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Vancouver, Frankfurt, Wehrstedt und zurück oder 100 Jahre alte Liebesbriefe von der Front

Städtisches Museum Halberstadt 17. May 2017

Vor etwa einem Dreivierteljahr, morgens gegen halb neun klingelte das Telefon im Büro des Museumschefs. Forrer, meldete sich eine Frauenstimme. Sofort lief im Kopf von Armin Schulze ein Scann nach früheren Kontakten, Personen aus der Geschichte der Region und der Domstadt. Ergebnis, negativ! Frau Forrer, mit Vornamen Elsa, ergänzte inzwischen, ich bin extra aufgeblieben um zu telefonieren, bei uns ist es ja nach Mitternacht, ich rufe aus Vancouver an.
Vancouver, Kanada, das war klar. Natürlich lief der Computer und neben der Geschichte, die aus der fernen Stadt zu hören war, zeigte Google verlässlich an, Vancouver ist eine Stadt in British Columbia an der Westküste Kanadas. Wo? Also, von hier aus gesehen über den "großen Teich" und dann noch über den gesamten amerikanischen Kontinent. Also weit weg. Denn Kanada ist nach Russland das flächenmäßig größte Land der Erde mit etwa der Hälfte der Bevölkerung Deutschlands. Nicht nur Reisen, auch telefonieren kann bilden!

Vancouver liegt knapp 50 km von der USA-Grenze entfernt. Die Kernstadt zählt "nur" 600.000 Einwohner, ist aber die zweitgrößte Metropol-Region des Landes mit 2,5 Millionen Menschen. Hier liegt der bedeutendste Hafen. Die Stadt hat eine traumhafte Lage am Meer mit einer beeindruckenden Bergsilhouette im Hintergrund. Und, keine Spur von "Winter in Kanada, so weiß war das Land", wie Elisa Gabbai 1966 sehr erfolgreich sang und so das Bild von Kanada nachhaltig prägte. Bis 100 Kilometer ins Inland verhilft die Lage am Meer dem Landstrich zu einem außergewöhnlich milden Mikroklima.

Ursprünglich stamme ich aus Delmenhorst, so wieder Elsa Forrer, bin 1933 dort geboren, ein Teil meiner Familie kommt aus Schöppenstedt. Ich bin eine geborene Bernstein. Natürlich gingen Schulze sofort alle möglichen Konstellationen durch den Kopf, warum Frau Forrer nach Kanada gegangen ist. Der Name Bernstein und 1933 zwangen, vor dem Hintergrund deutscher Geschichte, zu Vermutungen.
1965 überraschte Elsas Mann sie mit der Frage, wollen wir nach Kanada gehen, die suchen Leute? So profan können Aussiedlungsgründe sein.
Langsam wurde nun auch klar, warum Frau Forrer anrief. Sie suchte Wehrstedt. Nach Kanada hatte sie seinerzeit alles mitgenommen, was für sie relevant war. Darunter viele Erinnerungen, auch Briefe ihrer Mutter, die zwei Jahre vor dem Umzug verstarb. Nun möchte sie, dass diese Dinge nicht untergehen und dorthin bringen, wo die Stücke als zeitgeschichtliche Dokumente bewahrt werden.

Die Umrisse der Geschichte wurden immer klarer, denn es gab nicht nur einen Anruf vom anderen Ende der Welt. Die Mutter Elsa Forrers, Helene Elise Bernstein, gegorene Eilos, ist am 1. Juni 1895 geboren worden. Als junge Frau erhielt sie in den Jahren 1915 bis 1918 Briefe, Feldpostbriefe von Fritz Hahn, der "Meiner lieben Leni" von den wechselnden Einsatzorten während des Ersten Weltkriegs schrieb. Aus Frankreich und einmal eben auch aus Wehrstedt, datiert auf den 26.8.1818. Zu dieser Zeit wollte Leni allerdings nur noch eine gute Freundin für Fritz sein.
Die Bitte von Elsa Forrer war zu forschen, ob die Herkunft dieses Briefes der heutige Halberstädter Ortsteil Wehrstedt war. Sie suchte eine Bäckerei Hahn in Wehrstedt. Die ließ sich erst einmal nicht finden.
Jedenfalls teilte Frau Forrer mit, sie käme nach Deutschland und hätte sich ab dem 4. Mai im "Wehrstedter Hof" eingemietet.
Mit Holger Huch, Inhaber des Hotels, konnte sie herausfinden, dass die Hahns keine Bäckerei sondern eine Tischlerei inne hatten. Wehrstedt bei Halberstadt war der gesuchte Ort, aus dem der Freund ihrer Mutter stammte.
Beim späteren Treffen im Städtischen Museum übergab Frau Forrer acht Briefe zwei Feldpostquittungen der Flakschule Oldenburg sowie zwei Fotos für die Sammlung.
Am darauf folgenden Tag wollte sie nach Delmenhorst fahren und auch im dortigen Museum Dokumente abgegeben, die nicht untergehen sollen.
Die mit über achtzig Jahren sehr quirlige Elsa Forrer erzählte gern von ihrer neuen Heimat. Wo sie wohnt und das sie viele Kontakte hat zu Menschen, die aus allen möglichen Ländern der Welt stammen. Das es kaum Probleme gäbe. Ihre Kinder sprechen noch ganz gut Deutsch sagte sie, die Enkel aber englisch und französisch. Sie lieben Omas deutsche Küche und gehören nicht zu denen die glauben, in Deutschland laufen alle Leute in Lederhosen und Dirndln herumlaufen und das es jedes Wochenende ein Oktoberfest gibt.
Der Rückflug von Frankfurt nach Vancouver dauert etwa 12 Stunden, eine weitere Reise.

Über das Museum

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