{"id":4430,"date":"2026-08-24T14:39:35","date_gmt":"2026-08-24T14:39:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.museum.de\/blog\/?p=4430"},"modified":"2026-08-24T15:32:02","modified_gmt":"2026-08-24T15:32:02","slug":"picasso-bacon-zwei-maler-ein-schonungsloser-blick-auf-den-menschen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.museum.de\/blog\/picasso-bacon-zwei-maler-ein-schonungsloser-blick-auf-den-menschen\/","title":{"rendered":"Picasso \u2013 Bacon: Zwei Maler, ein schonungsloser Blick auf den Menschen"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-cover\" style=\"margin-top:2rem;margin-bottom:2rem\"><span aria-hidden=\"true\" class=\"wp-block-cover__background has-background-dim\" style=\"background-color:#797979\"><\/span><img decoding=\"async\" width=\"1375\" height=\"817\" src=\"https:\/\/www.museum.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PabloPicasso-Guernica-1937.jpg\" class=\"wp-block-cover__image-background wp-post-image\" alt=\"\" data-object-fit=\"cover\" srcset=\"https:\/\/www.museum.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PabloPicasso-Guernica-1937.jpg 1375w, https:\/\/www.museum.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PabloPicasso-Guernica-1937-300x178.jpg 300w, https:\/\/www.museum.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PabloPicasso-Guernica-1937-1248x742.jpg 1248w, https:\/\/www.museum.de\/blog\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/PabloPicasso-Guernica-1937-768x456.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1375px) 100vw, 1375px\" \/><div class=\"wp-block-cover__inner-container is-layout-constrained wp-block-cover-is-layout-constrained\">\n<h1 class=\"wp-block-heading has-text-align-center has-ast-global-color-5-color has-text-color has-link-color has-x-large-font-size wp-elements-1\">Picasso \u2013 Bacon: Zwei Maler, ein schonungsloser Blick auf den Menschen<\/h1>\n<\/div><\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zwischen Moderne und existenzieller Malerei<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kaum eine Beziehung der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ist so widerspr\u00fcchlich wie jene zwischen Pablo Picasso und Francis Bacon. Der eine revolutionierte die Bildsprache der Moderne und wurde zu einer der pr\u00e4genden Figuren der europ\u00e4ischen Avantgarde; der andere nahm diese Errungenschaften auf, um daraus eine radikal eigene, d\u00fcstere Form der figurativen Malerei zu entwickeln. Die Ausstellung <strong>\u201ePICASSO \u2013 BACON. What It Feels Like to Be Human\u201c<\/strong> in der ALBERTINA Wien setzt genau an diesem Spannungsverh\u00e4ltnis an. Vom 18. September 2026 bis zum 31. J\u00e4nner 2027 werden rund 70 Werke der beiden K\u00fcnstler aus internationalen Museen und Privatsammlungen einander gegen\u00fcbergestellt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Titel ist dabei programmatisch. Es geht weniger um eine lineare Einflussgeschichte als um die Frage, wie zwei K\u00fcnstler aus unterschiedlichen Generationen den Menschen ins Bild setzen: als K\u00f6rper, als verletzliche Existenz, als Wesen zwischen Begehren, Schmerz und Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Der K\u00f6rper als Schauplatz der menschlichen Existenz<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Picasso und Bacon begegnen sich in dieser Ausstellung nicht als stilistische Zwillinge. Ihre Verfahren k\u00f6nnten kaum unterschiedlicher sein. Picasso zerlegt und rekonstruiert den K\u00f6rper, verschiebt Perspektiven und l\u00e4sst verschiedene Wahrnehmungsebenen gleichzeitig sichtbar werden. Bacon dagegen scheint die Figur von innen her aufzul\u00f6sen. K\u00f6rper werden deformiert, verdreht, in geometrische oder r\u00e4umliche Gef\u00e4ngnisse eingeschlossen und bis an die Grenze ihrer Erkennbarkeit gebracht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade diese Differenz macht die Gegen\u00fcberstellung kunsthistorisch interessant. Beide K\u00fcnstler verweigern eine idealisierte Vorstellung des menschlichen K\u00f6rpers. Der K\u00f6rper ist nicht l\u00e4nger verl\u00e4ssliches Abbild einer Person, sondern Schauplatz psychischer und existenzieller Zust\u00e4nde. Schmerz, Begehren und Verletzlichkeit werden nicht illustriert, sondern unmittelbar in die Malerei \u00fcbersetzt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung konzentriert sich deshalb auf wiederkehrende Motive, die bei beiden K\u00fcnstlern eine geradezu archetypische Dimension besitzen: Kreuzigungen, Schreie, Stierk\u00e4mpfe, Akte und jene von der ALBERTINA als \u201eTr\u00e4nen des Eros\u201c bezeichneten Darstellungen, in denen Erotik und Verwundbarkeit eng miteinander verbunden sind.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Picasso als Vaterfigur f\u00fcr Bacon<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Besonders aufschlussreich ist die biografische und k\u00fcnstlerische Asymmetrie dieser Beziehung. Bacon bekannte sich fr\u00fch zum Einfluss Picassos. Unter dem Eindruck von dessen Kunst fasste er den Entschluss, Maler zu werden. In der Folge wurde Picasso f\u00fcr ihn zu einer Art \u00fcberm\u00e4chtiger Vaterfigur, an der er sich zeitlebens messen musste. Bacon wollte f\u00fcr die zweite H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts eine vergleichbare Rolle einnehmen, wie Picasso sie f\u00fcr die erste H\u00e4lfte gespielt hatte: die eines Chronisten der menschlichen Zerrissenheit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Verh\u00e4ltnis ist dennoch keine einfache Abfolge von Vorbild und Nachfolger. Picasso selbst wurde nicht von Bacon beeinflusst, verfolgte dessen Karriere aber aufmerksam. Die Ausstellung gewinnt daraus eine interessante Spannung: Zwei K\u00fcnstler werden miteinander konfrontiert, obwohl der Einfluss im Wesentlichen in eine Richtung verlief. Gerade dadurch wird sichtbar, wie eine k\u00fcnstlerische Autorit\u00e4t \u00fcber die eigene Generation hinauswirken kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rund 70 Schl\u00fcsselwerke im Dialog<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das kuratorische Prinzip besteht in der direkten Konfrontation. Statt Picasso und Bacon strikt voneinander getrennt zu pr\u00e4sentieren, werden ihre Arbeiten in thematischen und motivischen Zusammenh\u00e4ngen lesbar. Die Besucher sehen damit nicht nur zwei individuelle \u0152uvres, sondern ein Geflecht aus Wiederholungen, Br\u00fcchen und \u00fcberraschenden Parallelen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine besondere Rolle spielt etwa Picassos <strong>\u201eBuste de femme\u201c von 1940<\/strong>, das zu den in der Ausstellung hervorgehobenen Arbeiten geh\u00f6rt. Das Frauenbildnis verweist auf Picassos F\u00e4higkeit, die menschliche Figur zwischen Abstraktion und psychologischer Pr\u00e4senz schweben zu lassen. Demgegen\u00fcber stehen Bacons deformierte Figuren, deren k\u00f6rperliche Pr\u00e4senz gerade aus ihrer Verst\u00f6rung entsteht. Auch ein <strong>Selbstportr\u00e4t Bacons von 1972<\/strong> geh\u00f6rt zu den gezeigten Werken und f\u00fchrt das zentrale Motiv der Ausstellung auf den K\u00fcnstler selbst zur\u00fcck: Der K\u00f6rper wird zum Ort der Selbstbeobachtung, aber ebenso der Selbstentfremdung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Dass zahlreiche Werke aus internationalen Sammlungen und Privatsammlungen zusammengetragen werden konnten, ist f\u00fcr die Argumentation der Ausstellung entscheidend. Die Gegen\u00fcberstellung funktioniert nur dann \u00fcberzeugend, wenn nicht blo\u00df bekannte Namen nebeneinanderstehen, sondern Werke von hoher Qualit\u00e4t tats\u00e4chlich miteinander in einen visuellen Wettstreit treten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eine Ausstellung \u00fcber Malerei nach der Moderne<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Werk Picassos l\u00e4sst sich die Ausstellung als eine erneute Untersuchung jener Frage lesen, die seine gesamte Karriere begleitet: Wie weit kann die Darstellung vom naturalistischen Abbild entfernt werden, ohne dass die Figur ihre menschliche Pr\u00e4senz verliert? Bacon radikalisiert diese Frage. Bei ihm bleibt die Figur erkennbar, aber ihre Integrit\u00e4t ist zerst\u00f6rt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Damit ber\u00fchrt die Ausstellung eine zentrale Entwicklung der Kunst nach 1945. W\u00e4hrend die Abstraktion lange als eigentliche Zukunft der modernen Malerei erschien, behaupteten Picasso und Bacon die Figur auf jeweils v\u00f6llig unterschiedliche Weise. Der Mensch verschwand nicht aus der Malerei; vielmehr wurde seine Darstellung zum Experimentierfeld f\u00fcr Angst, Sexualit\u00e4t, Gewalt und Identit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Gerade aus heutiger Perspektive wirkt diese Malerei bemerkenswert aktuell. Eine Epoche, die von fotografischer Allgegenwart, digitaler Selbstinszenierung und einer scheinbar grenzenlosen Produktion von Menschenbildern gepr\u00e4gt ist, kennt den K\u00f6rper zugleich als Objekt der Optimierung und als Projektionsfl\u00e4che psychischer Konflikte. Picasso und Bacon erinnern daran, dass ein Bild des Menschen nicht zwangsl\u00e4ufig dann wahrer wird, wenn es \u00e4u\u00dferlich \u00e4hnlich sieht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die ALBERTINA als historischer Resonanzraum<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr diese Ausstellung ist die Wahl des Ortes mehr als eine Frage der Infrastruktur. Die ALBERTINA geh\u00f6rt zu den bedeutendsten Kunstmuseen Wiens und besitzt mit ihrer grafischen Sammlung einen Bestand von mehr als einer Million Zeichnungen und Druckgrafiken von der Sp\u00e4tgotik bis zur Gegenwart. Die Sammlung geht auf Herzog Albert von Sachsen-Teschen zur\u00fcck, der sie im sp\u00e4ten 18. Jahrhundert systematisch aufbaute.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Auch architektonisch besitzt das Museum eine besondere Stellung. Die ALBERTINA befindet sich im ehemaligen Palais Herzog Alberts auf der Augustinerbastei, unmittelbar im historischen Zentrum Wiens zwischen Staatsoper, K\u00e4rntnerstra\u00dfe und Hofburg. Der Haupteingang liegt auf der Bastion der ehemaligen Stadtbefestigung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die historische Architektur und die gro\u00dfformatigen Ausstellungsr\u00e4ume schaffen einen bemerkenswerten Kontrast zur k\u00f6rperlich aufgeladenen Malerei von Picasso und Bacon. Gerade die repr\u00e4sentative Geschichte des Hauses macht die Konfrontation mit zwei K\u00fcnstlern, deren Menschenbilder so wenig repr\u00e4sentativ und so ausgesprochen verst\u00f6rend sind, produktiv.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-group has-background is-layout-constrained wp-block-group-is-layout-constrained\" style=\"background-color:#cce9fa\">\n<h4 class=\"wp-block-heading\">Praktische Informationen f\u00fcr den Besuch<\/h4>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>\u201ePICASSO \u2013 BACON. What It Feels Like to Be Human\u201c<\/strong> ist vom <strong>18. September 2026 bis 31. J\u00e4nner 2027<\/strong> in der ALBERTINA Wien zu sehen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Ort:<\/strong> ALBERTINA, Wien, Albertinaplatz 1<br><strong>\u00d6ffnungszeiten:<\/strong> t\u00e4glich 10 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags bis 21 Uhr.<br><strong>Eintritt:<\/strong> regul\u00e4r 20,90 Euro; erm\u00e4\u00dfigt unter anderem f\u00fcr Besucher unter 26 Jahren und Senioren ab 65 Jahren 17,50 Euro; Kinder unter 19 Jahren haben freien Eintritt.<br><strong>F\u00fchrungen:<\/strong> \u00d6ffentliche F\u00fchrungen zur Ausstellung dauern eine Stunde und kosten 6 Euro zus\u00e4tzlich zum Eintritt; Termine werden in deutscher und englischer Sprache angeboten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die ALBERTINA ist mit U1, U2 und U4 \u00fcber die Station Karlsplatz\/Oper sowie mit der U3 \u00fcber Stephansplatz erreichbar. Mehrere Stra\u00dfenbahnlinien und die Buslinie 2A halten ebenfalls in unmittelbarer N\u00e4he. Das Museum ist vollst\u00e4ndig barrierefrei zug\u00e4nglich; der Haupteingang ist \u00fcber Rolltreppe oder Aufzug erreichbar. Museumsshop und DO&amp;CO-Restaurant k\u00f6nnen auch ohne Eintrittskarte besucht werden.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit: Kein Dialog der Harmonie<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die St\u00e4rke dieser Ausstellung liegt nicht darin, Picasso und Bacon zu zwei Seiten derselben Medaille zu erkl\u00e4ren. Gerade das w\u00e4re kunsthistorisch zu bequem. Ihre Gemeinsamkeiten sind real, doch ihre k\u00fcnstlerischen Antworten auf die menschliche Existenz unterscheiden sich fundamental.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Picasso zerlegt den K\u00f6rper, um neue M\u00f6glichkeiten der Wahrnehmung zu er\u00f6ffnen. Bacon deformiert ihn, um eine Wahrheit hinter der Oberfl\u00e4che sichtbar zu machen. Zwischen beiden entsteht kein harmonischer Dialog, sondern eine produktive Spannung: Hier die souver\u00e4ne Erfindungskraft der klassischen Moderne, dort die existenzielle Finsternis der Nachkriegszeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Ausstellung ist deshalb vor allem dann \u00fcberzeugend, wenn sie nicht nach einem Sieger dieses imagin\u00e4ren Wettstreits sucht. Ihre eigentliche Pointe liegt in der Erkenntnis, dass die figurative Malerei des 20. Jahrhunderts den Menschen nicht trotz seiner Zerbrechlichkeit, sondern gerade durch sie neu erfunden hat. Picasso und Bacon zeigen zwei unterschiedliche Wege zu einer Kunst, die den K\u00f6rper nicht beruhigt, sondern beunruhigt. Und vielleicht liegt genau darin ihre anhaltende Gegenw\u00e4rtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Quelle:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/albertina.at\/presse\/ausstellungen\/picasso-bacon\">https:\/\/albertina.at\/presse\/ausstellungen\/picasso-bacon<\/a><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bildnachweis:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong><a href=\"https:\/\/creativecommons.org\/licenses\/by-sa\/4.0\/deed.en\">Photo: Jules Verne Times Two \/ julesvernex2.com \/ CC-BY-SA-4.0<\/a><\/strong> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen Moderne und existenzieller Malerei Kaum eine Beziehung der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ist so widerspr\u00fcchlich wie jene zwischen Pablo Picasso und Francis Bacon. 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