Künstliche Intelligenz im Museum: UNESCO und ICOM starten globale Bestandsaufnahme

Museen verstehen sich seit der Aufklärung als Orte der Bewahrung, Forschung und Vermittlung. Sie sind Gedächtnisspeicher und öffentliche Foren zugleich, Institutionen mit historischem Auftrag und gesellschaftlicher Verantwortung. In den vergangenen Jahrzehnten haben Digitalisierung, Globalisierung und neue Partizipationsmodelle ihre Arbeit grundlegend verändert. Nun steht mit der Künstlichen Intelligenz (KI) eine Technologie im Raum, die das Selbstverständnis und die Praxis von Museen erneut transformieren könnte. Vor diesem Hintergrund haben die UNESCO und der Internationale Museumsrat ICOM im Mai 2026 eine weltweite Umfrage zum Einsatz von KI in Museen gestartet – ein bemerkenswerter Schritt, der die Dringlichkeit und Tragweite des Themas unterstreicht.

Die Initiative wurde bereits im vergangenen November während der ICOM-Generalkonferenz angekündigt und ist Ausdruck einer intensivierten Zusammenarbeit zwischen UNESCO und ICOM in Fragen der digitalen Ethik und Kulturpolitik. Ziel der Umfrage ist es, belastbare Daten und konkrete Fallbeispiele zu sammeln, um zu verstehen, wie Museen unterschiedlicher Größe, Ausrichtung und regionaler Verortung KI bereits einsetzen oder zu nutzen beabsichtigen. Die Erhebung läuft bis zum 21. Juli 2026 und richtet sich ausdrücklich an Institutionen weltweit.

Im Zentrum steht nicht nur eine technologische Bestandsaufnahme, sondern eine normative Fragestellung: Wie lassen sich Innovation und ethische Verantwortung in Einklang bringen? Die Umfrage nimmt explizit Bezug auf die „UNESCO Recommendation on the Ethics of Artificial Intelligence“ von 2021 sowie auf den ICOM-Ethikkodex für Museen. Damit wird deutlich, dass es nicht um technikgetriebene Euphorie geht, sondern um eine reflektierte Integration von KI in museale Kernaufgaben – Sammlung, Bewahrung, Forschung, Ausstellung und Vermittlung.

Die Bandbreite möglicher Anwendungen ist groß. KI kann bei der automatisierten Inventarisierung und Katalogisierung von Sammlungsbeständen unterstützen, Provenienzforschung beschleunigen oder Bild- und Objekterkennung verbessern. In der Vermittlung eröffnen sich neue Formen personalisierter Besucherführung, mehrsprachiger Interaktion oder barrierearmer Zugänge. Gleichzeitig stellen sich Fragen nach Datenhoheit, Transparenz algorithmischer Entscheidungen, Urheberrecht und dem Schutz sensibler Kulturgüter. Gerade im Kontext von Restitutionsdebatten und postkolonialer Kritik ist Sensibilität geboten, wenn digitale Systeme kulturelle Narrative strukturieren oder priorisieren.

Die Umfrage

Die Umfrage ist daher bewusst breit angelegt. Sie soll nicht nur technische Anwendungen erfassen, sondern auch Herausforderungen und Unterstützungsbedarfe identifizieren. Durch die Bereitstellung in mehreren Sprachen – neben den drei ICOM-Amtssprachen Englisch, Französisch und Spanisch auch in den sechs offiziellen UNESCO-Sprachen Arabisch, Chinesisch, Englisch, Französisch, Russisch und Spanisch – wird eine möglichst inklusive Beteiligung angestrebt. Diese sprachliche Diversität ist mehr als eine organisatorische Maßnahme; sie signalisiert den Anspruch, globale Perspektiven einzubeziehen und nicht ausschließlich westliche Digitalisierungsmodelle zum Maßstab zu erheben.

Die Ergebnisse der Umfrage sollen in einen gemeinsamen UNESCO-ICOM-Bericht einfließen, der einen evidenzbasierten Überblick über aktuelle Praktiken geben, zentrale Problemfelder benennen und exemplarische Fallstudien vorstellen wird. Darüber hinaus ist geplant, die Erkenntnisse in die Weiterentwicklung musealer Strategien und in künftige Fortbildungs- und Capacity-Building-Programme einfließen zu lassen. Damit erhält die Initiative eine kulturpolitische Dimension: Sie könnte Standards setzen und Leitlinien formulieren, die die internationale Museumslandschaft langfristig prägen.

Die ICOM

ICOM, 1946 gegründet, versteht sich als weltweites Netzwerk von Museumsfachleuten mit einem klaren ethischen Fundament. Der Ethikkodex und die jüngst aktualisierte Museumsdefinition betonen die gesellschaftliche Verantwortung, Inklusion und Nachhaltigkeit. UNESCO wiederum agiert als normative Instanz im internationalen Kultur- und Bildungsbereich. Die Kooperation beider Organisationen verleiht der Umfrage institutionelles Gewicht und unterstreicht, dass KI im Museum kein Randthema, sondern eine strukturelle Herausforderung ist.

Gleichwohl bleibt abzuwarten, wie differenziert die Ergebnisse ausfallen werden. Die Gefahr besteht, dass technologisch gut ausgestattete Häuser aus Europa, Nordamerika oder Ostasien das Bild dominieren, während kleinere Institutionen mit begrenzten Ressourcen weniger sichtbar werden. Gerade hier könnte jedoch ein entscheidender Erkenntnisgewinn liegen: Welche Formen von KI sind unter prekären Bedingungen realistisch? Welche Kompetenzen fehlen? Wo bedarf es internationaler Unterstützung?

Die Umfrage selbst ist online zugänglich und steht Museen aller Typen und Größen offen. Sie kann bis zum 21. Juli 2026 ausgefüllt werden. Weitere Informationen sowie der direkte Zugang finden sich auf der Website des International Council of Museums.

In einer Zeit, in der technologische Innovationen häufig schneller voranschreiten als gesellschaftliche Reflexionen, ist die Initiative von UNESCO und ICOM als Versuch zu werten, diesen Prozess zu strukturieren und normativ zu begleiten. Ob KI im Museum künftig als unsichtbares Werkzeug im Hintergrund oder als sichtbarer Akteur im Ausstellungsraum agieren wird, hängt nicht zuletzt von den ethischen und politischen Leitplanken ab, die heute gesetzt werden. Die globale Umfrage ist ein erster, notwendiger Schritt auf diesem Weg.

Quelle:
https://icom.museum/en/news/unesco-and-icom-launch-global-survey-on-the-use-of-artificial-intelligence-in-museums/

Der Museumsblog verwendet Accessibility Checker, um die Barrierefreiheit unserer Website zu überwachen.

Nach oben scrollen