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„Peter Lindbergh.
Untold Stories“

„Peter Lindbergh. Untold Stories“
Ein Portrait von Anna Blume

Das Düsseldorfer Museum Kunstpalast zeigt bis zum 27. September 2020 „Untold Stories“ von Peter Lindbergh. Über zwei Jahre lang hat er selbst die Werkschau – in Zusammenarbeit mit Thoaï Niradeth, verantwortlich für die Ausstellungsarchitektur (Peter Lindbergh Foundation, Paris), und Felicity Korn (Museum Kunstpalast, Düsseldorf) – kuratiert. Eröffnet wurde der Abend im Februar von Felix Krämer, dem Direktor des Kunstpalasts.

Die Ausstellung umfasst 140 Arbeiten: Landschaftsbilder, Stillleben, Auftragsarbeiten und die legendären Portraits der Supermodels; laut Lindbergh sieht man das „Best-of“ aus 40 Jahren seines Schaffens. Einige der Fotos sind bis dahin noch nie gezeigt worden. Dem Betrachter eröffnet sich ein neuer Blick auf Peter Lindberghs Œuvre. Der Auswahlprozess hatte für Lindbergh eine durchaus existentielle Dimension, deren war er sich bewusst: Im September 2019 – also kurz vor seinem Tod – hat er diese Arbeit als „Kampf auf Leben und Tod“ bezeichnet. (…)

Drei Kapitel

Die Ausstellung besteht aus drei Teilen: Als erstes sieht man die „Bluebacks“, auf Affichenpapier gedruckte Collagen seiner Fotos, die acht Meter in die Höhe ragen, und so beginnt die Ausstellung mit einem überwältigenden Grand Projet. Diese Ouvertüre kann als Resümee der gesamten Ausstellung gesehen werden.

Das Herzstück der Ausstellung ist eine assoziative Zusammenstellung seiner Fotos. Peter Lindbergh beschreibt das so:

„… in 120 Werken eine Geschichte erzählen, die keinem Raster folgt, trotzdem abwechslungsreich ist und nicht langweilig wird. Wenn einem das gelingt, kommt man in eine andere Dimension, kann frei experimentieren, neue Zusammenhänge finden und offenlegen.“

Den Abschluss bildet die Videoarbeit „Testament“ von 2013. Elmer Carroll, ein 1990 verurteilter Mörder und Insasse einer Todeszelle in Florida, betrachtet sich hier 30 Minuten lang bewegungslos in einem Spiegel, hinter dem sich Lindberghs Kamera verbarg. Diesen Prozess filmte Lindbergh ohne Schnitt und konfrontiert den Betrachter mit einem Schwerverbrecher, ohne Hinweise auf dessen Straftaten zu geben. Als Vorbereitung zu „Testament“ hat Lindbergh mehr als 300 Prozessakten studiert und sich mit Fragen wie Schuld, Empathie und Freiheit auseinandergesetzt. Dabei beschäftigte ihn insbesondere die Frage, ob das Böse sichtbar gemacht und fotografiert werden könne. Dieses Phänomen hat Hannah Arendt bei Eichmann beobachtet und beschrieben: Man sehe niemandem an, was er für Abgründe in sich birgt. Und das Erschrecken bestehe eben darin, dass es dafür keine Indizien oder Hinweise gibt. Hannah Arendt nennt das „die Banalität des Bösen“.

Der Film „Testament“, der nie zuvor in einer Lindbergh-Ausstellung gezeigt worden ist, offenbart völlig neue Aspekte seines Schaffens. Nicht zuletzt deshalb zählt Peter Lindbergh zu den „photographes humanistes“, denn mit seinen Recherchen und Studien ist er weit über die Modefotografie hinausgegangen.

Groß geworden ist er mit den US-amerikanischen Reportagefotografen wie Dorothea Lange und Walker Evans, später mit dem Werk von Diane Arbus. Der Streetphotographer Garry Winogrand war sein Vorbild; er hat Lindbergh dazu inspiriert, Modefotografie nicht nur als Kampagne für ein Label zu verstehen. So hat er Mitte der 1990er Jahre eine neue Ära der Modefotografie geprägt. Fotoshootings in den Straßen von Manhattan, in Brooklyn oder in Berlin. Er machte keine Vorgaben, die Models bewegen sich völlig frei; Lindbergh folgte ihnen mit der Kamera, fasziniert von deren Improvisationsgabe. Sein Leitgedanke war: „Die Courage, man selbst zu sein, macht Schönheit aus“.

Bodenständigkeit

Eine internationale Karriere hat Lindbergh wohl gemacht, weil er über all die Jahre autobiographische Erfahrungen in seine Arbeit eingebracht hat. Dabei ist er bodenständig geblieben; ist immer wieder an die Orte seiner Kindheit und Jugend zurückgekehrt, in die tristen Industrielandschaften, zu den Kohlebergwerken von Duisburg, wo er während der Nachkriegszeit aufwuchs, in das Grau von Asterlagen, er spürt dem rot-schwarzen Kupferstaub von Rheinhausen nach, streift durch die Rheinauen. Bis zu seinem Lebensende ist er, wie er selbst sagt, ein „Duisburger Junge“ geblieben.

Peter Lindbergh: Amanda Cazalet, Duisburg, 1984
© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh Foundation, Paris)

Lindbergh entwickelt Shootings in Anlehnung an diese Orte: Die Bildstrecken, die in Fabrikhallen entstehen, sind Reminiszenzen an die Kulissen und die Unbeschwertheit seiner Kindheit. Mitte der 1980er Jahre fotografiert er in Duisburg Models u.a. Amanda Cazalet, die einen 50er-Jahre Kinderwagen hinter sich herzieht, der mit Bierflaschen gefüllt ist.

1988 entsteht eine bemerkenswerte Schwarz-Weiß-Bildstrecke in der Szenerie des Schwerindustrie-Gebietes an den Hochöfen des französischen Pont-à-Mousson in Lothringen. Die Models Linda Evangelista, Michaela Bercu und Kirsten Owen tragen Ensembles des japanischen Modelabels Comme des Garçons: Schwarz, streng, eine Art Novizinnentracht. Lindbergh inszeniert seine Protagonistinnen wie in der sizilianischen Trauerszene der Oper Cavalleria Rusticana von Mascagni oder der Tragödie Bernarda Albas Haus von Federico García Lorca. Anklänge an die Trauer südländischer Frauen prägen das Bild.

© Peter Lindbergh: Linda Evangelista, Michaela Bercu &
Kirsten Owen, Pont-à-Mousson, 1988
(Courtesy Peter Lindbergh Foundation, Paris)

Schönheit der Objekte

Ganz gleich, was Peter Lindbergh fotografiert, sei es Lynne Koester in einer Fabrikhalle, einen aufwärts ins Visier genommenen stählernen Hochspannungsmast („Force of Men. Hommage to Rodtchenko“, Duisburg 1984), Tina Turner in High Heels auf dem Eiffelturm (1989) oder Porsche-Modelle, wie den Mission E, Prototyp des Taycan, und den Sportwagen-Klassiker 911, während eines Shootings im Morgengrauen am Strand bei Ault in Nordfrankreich (2018). Lindbergh entdeckt die Erotik des Objekts, und das macht seine Schönheit aus.  

Peter Lindbergh: Lynne Koester, Paris, 1984
© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh Foundation, Paris)

Lindberghs Beziehung zu seinen Modellen

Die Beziehungen, die Peter Lindbergh zu seinen Modellen und den Menschen, die er portraitiert, aufbaut, sind herzlich, zugewandt, gehen über das professionelle Maß hinaus. Seine Fotos entstehen quasi en passant, sind von großer Intensität und Intimität, resultieren aus rückhaltlosem Vertrauen. Sie werden gleichsam von einer Sehnsucht getrieben, die über der Szenerie spürbar ist.

Lindbergh bewundert Frauen, die er als selbstbestimmt empfindet; er liebt das Charisma androgyner, starker, sinnlicher Frauen.  Er beschreitet ein unbekanntes Terrain in der Geschichte der Modefotografie und er war einer der ersten, der den Fokus auf die Persönlichkeit und die natürliche, ungeschminkte Schönheit seiner Modelle konzentrierte. Lindbergh interessiert sich für die Verletzlichkeit, Melancholie und Sensibilität seiner Modelle und reichert die Modefotografie mit deren Lebensgeschichte an.  Ein melancholischer Blick fasziniert ihn mehr als ein Lachen; Zeichen der Vergangenheit oder kleine Schönheitsfehler in einem Gesicht werden zu Erkennungsmerkmalen der Modelle und bedeuten ihren Aufstieg in den „Olymp der Supermodels“. Immer wieder hat er sich gegen die Norm standardisierter Schönheitsideale gewendet: „Wie verrückt und unwirklich ist doch die Idee, alle Erfahrungen aus einem Gesicht zu eliminieren?!“

Peter Lindbergh: Karen Elson, Los Angeles, 1997
© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh Foundation, Paris)

Geschichte der Modelle
“The birth of the supermodels” tituliert die Britische Vogue 1990

Lindberghs  Modelle sind stark besetzt von dem Frauentyp, den er während seines Kunststudiums kennengelernt hat. Frauen, die ihn nachhaltig beeindruckten und die stilbildend für ihn waren. Er wollte Frauenportraits machen, die die wahre Seele zeigen, die authentisch sind, die Grenzen zwischen den Geschlechtern auflösen, die Trends überdauern. Seine Arbeit folgt einem Rhythmus, der durch ihn definiert wird, darin haben die Frauen jede Freiheit der Selbstdarstellung. So entstand 1988, ursprünglich für die US-amerikanische Vogue, das „White Shirts“-Foto am Strand von Malibu: Estelle Lefébure, Karen Alexander, Rachel Williams, Linda Evangelista, Tatjana Patitz und Christy Turlington; eines der fantastischsten Bilder in der Geschichte der Modefotografie. In dem Buch „On the Edge: Images from 100 Years of VOGUE“, wurde es das „wichtigste Foto der 80er Jahre“ genannt.

Über viele Jahre arbeitet Lindbergh immer wieder mit denselben Modellen, wie Kate Moss, Linda Evangelista, Naomi Campbell, Nadja Auermann, Amber Valletta, Michaela Bercu…  Er fotografiert Milla Jovovich seit ihrem Alter von 15 Jahren. Linda Evangelista wurde zum Weltstar dank Lindberghs Empfehlung, sich die Haare (von Julien d’Ys) kurz schneiden zu lassen.

Lindbergh hat seine Modelle nie gegen jüngere Frauen ausgetauscht, denn ihn fasziniert der Zauber der älter werdenden Frau, die er zum Kunstwerk stilisiert. Er erfasst deren Wesen, entdeckt deren Geschichte und verbindet diese wiederum mit seinen Geschichten. Diese werden zu einem Ganzen, zu einer Geschichte verwoben.

Lindbergh bevorzugt ein natürliches Styling und lehnt digitale Manipulation, retuschierte Fotos prinzipiell ab. Erfahrungen, die sich in einem Gesicht widerspiegeln, werden von ihm nicht wegretuschiert. Seine Devise ist „Take the make-up off!“. Er bevorzugt ein verhaltenes, monochromes Make-up und wird so zum „Albtraum jedes Stylisten“.

Er macht kein Geheimnis daraus, dass er dem menschlichen Wesen ˗ insbesondere den Frauen ˗ mehr Aufmerksamkeit und Interesse widmet als dem Wert des Produkts, das es zu fotografieren gilt. Die Welt des Glamours und des Konsums lässt ihn kalt. Das Produkt entfaltet eher beiläufig seine Wirksamkeit.

„Der Raum zwischen dem Fotografen und seinem Modell ist das, was man fotografiert“

Seine strengen Schwarz-Weiß-Fotografien, deren Grobkörnigkeit, das Dunkle, die Oberflächenstruktur seiner Fotos sind mit dem Auge spürbar – sie stehen für einen neuen Realismus und führen den Blick des Betrachters direkt durch die Seelenlandschaften seiner Modelle. Der Minimalismus dieser Ästhetik geht, so Lindbergh, „durch die Haut“, wohingegen die Farbfotografie an der Oberfläche klebt und deshalb nicht zum Wesentlichen einer Person vordringt. 


Peter Lindbergh: Sharon Cohendy & Mariacarla Boscono, Ault, France, 2014
© Peter Lindbergh (Courtesy Peter Lindbergh Foundation, Paris)

Peter Lindbergh wird Künstler

Peter Lindberghs Arbeiten werden zu Kunst. Am Ende seines Lebens hat der Werbefotograf die wichtigsten Museen der Welt erobert. Lindberghs Arbeiten sind selbst zu Kunstwerken der zeitgenössischen Fotografie geworden und werden im Centre Pompidou in Paris, der Kunsthalle München, der Kunsthalle Rotterdam, dem  Museum of Modern Art in New York gezeigt.

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Ab dem 20. Juni 2020 wird die Ausstellung „Peter Lindbergh. Untold Stories“ parallel im Kunstpalast Düsseldorf (noch bis zum 27. September 2020) und im Museum für Kunst und Gewerbe (MK&G) Hamburg (bis zum 1. November 2020) zu sehen sein. Dies ist der Unterstützung der Familie von Peter Lindbergh und der Lindbergh Foundation, Paris, zu verdanken, die die Ausstellung exklusiv ein weiteres Mal für das MK&G produziert haben.

Die Ausstellung „Peter Lindbergh. Untold Stories“ im Museum Kunstpalast, Düsseldorf, wurde in Kooperation mit der Peter Lindbergh Foundation, Paris, realisiert. Die Werkschau wurde von Peter Lindbergh selbst kuratiert. Weitere Stationen der Ausstellung sind:

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
20. Juni bis 1. November 2020

Hessisches Landesmuseum, Darmstadt
4. Dezember 2020 bis 7. März 2021

MADRE, Museo d’Arte Contemporanea Donnaregina, Neapel, Italien
März bis Mai 2021