Picasso – Bacon: Zwei Maler, ein schonungsloser Blick auf den Menschen

Zwischen Moderne und existenzieller Malerei

Kaum eine Beziehung der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts ist so widersprüchlich wie jene zwischen Pablo Picasso und Francis Bacon. Der eine revolutionierte die Bildsprache der Moderne und wurde zu einer der prägenden Figuren der europäischen Avantgarde; der andere nahm diese Errungenschaften auf, um daraus eine radikal eigene, düstere Form der figurativen Malerei zu entwickeln. Die Ausstellung „PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human“ in der ALBERTINA Wien setzt genau an diesem Spannungsverhältnis an. Vom 18. September 2026 bis zum 31. Jänner 2027 werden rund 70 Werke der beiden Künstler aus internationalen Museen und Privatsammlungen einander gegenübergestellt.

Der Titel ist dabei programmatisch. Es geht weniger um eine lineare Einflussgeschichte als um die Frage, wie zwei Künstler aus unterschiedlichen Generationen den Menschen ins Bild setzen: als Körper, als verletzliche Existenz, als Wesen zwischen Begehren, Schmerz und Gewalt.

Der Körper als Schauplatz der menschlichen Existenz

Picasso und Bacon begegnen sich in dieser Ausstellung nicht als stilistische Zwillinge. Ihre Verfahren könnten kaum unterschiedlicher sein. Picasso zerlegt und rekonstruiert den Körper, verschiebt Perspektiven und lässt verschiedene Wahrnehmungsebenen gleichzeitig sichtbar werden. Bacon dagegen scheint die Figur von innen her aufzulösen. Körper werden deformiert, verdreht, in geometrische oder räumliche Gefängnisse eingeschlossen und bis an die Grenze ihrer Erkennbarkeit gebracht.

Gerade diese Differenz macht die Gegenüberstellung kunsthistorisch interessant. Beide Künstler verweigern eine idealisierte Vorstellung des menschlichen Körpers. Der Körper ist nicht länger verlässliches Abbild einer Person, sondern Schauplatz psychischer und existenzieller Zustände. Schmerz, Begehren und Verletzlichkeit werden nicht illustriert, sondern unmittelbar in die Malerei übersetzt.

Die Ausstellung konzentriert sich deshalb auf wiederkehrende Motive, die bei beiden Künstlern eine geradezu archetypische Dimension besitzen: Kreuzigungen, Schreie, Stierkämpfe, Akte und jene von der ALBERTINA als „Tränen des Eros“ bezeichneten Darstellungen, in denen Erotik und Verwundbarkeit eng miteinander verbunden sind.

Picasso als Vaterfigur für Bacon

Besonders aufschlussreich ist die biografische und künstlerische Asymmetrie dieser Beziehung. Bacon bekannte sich früh zum Einfluss Picassos. Unter dem Eindruck von dessen Kunst fasste er den Entschluss, Maler zu werden. In der Folge wurde Picasso für ihn zu einer Art übermächtiger Vaterfigur, an der er sich zeitlebens messen musste. Bacon wollte für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts eine vergleichbare Rolle einnehmen, wie Picasso sie für die erste Hälfte gespielt hatte: die eines Chronisten der menschlichen Zerrissenheit.

Das Verhältnis ist dennoch keine einfache Abfolge von Vorbild und Nachfolger. Picasso selbst wurde nicht von Bacon beeinflusst, verfolgte dessen Karriere aber aufmerksam. Die Ausstellung gewinnt daraus eine interessante Spannung: Zwei Künstler werden miteinander konfrontiert, obwohl der Einfluss im Wesentlichen in eine Richtung verlief. Gerade dadurch wird sichtbar, wie eine künstlerische Autorität über die eigene Generation hinauswirken kann.

Rund 70 Schlüsselwerke im Dialog

Das kuratorische Prinzip besteht in der direkten Konfrontation. Statt Picasso und Bacon strikt voneinander getrennt zu präsentieren, werden ihre Arbeiten in thematischen und motivischen Zusammenhängen lesbar. Die Besucher sehen damit nicht nur zwei individuelle Œuvres, sondern ein Geflecht aus Wiederholungen, Brüchen und überraschenden Parallelen.

Eine besondere Rolle spielt etwa Picassos „Buste de femme“ von 1940, das zu den in der Ausstellung hervorgehobenen Arbeiten gehört. Das Frauenbildnis verweist auf Picassos Fähigkeit, die menschliche Figur zwischen Abstraktion und psychologischer Präsenz schweben zu lassen. Demgegenüber stehen Bacons deformierte Figuren, deren körperliche Präsenz gerade aus ihrer Verstörung entsteht. Auch ein Selbstporträt Bacons von 1972 gehört zu den gezeigten Werken und führt das zentrale Motiv der Ausstellung auf den Künstler selbst zurück: Der Körper wird zum Ort der Selbstbeobachtung, aber ebenso der Selbstentfremdung.

Dass zahlreiche Werke aus internationalen Sammlungen und Privatsammlungen zusammengetragen werden konnten, ist für die Argumentation der Ausstellung entscheidend. Die Gegenüberstellung funktioniert nur dann überzeugend, wenn nicht bloß bekannte Namen nebeneinanderstehen, sondern Werke von hoher Qualität tatsächlich miteinander in einen visuellen Wettstreit treten.

Eine Ausstellung über Malerei nach der Moderne

Im Werk Picassos lässt sich die Ausstellung als eine erneute Untersuchung jener Frage lesen, die seine gesamte Karriere begleitet: Wie weit kann die Darstellung vom naturalistischen Abbild entfernt werden, ohne dass die Figur ihre menschliche Präsenz verliert? Bacon radikalisiert diese Frage. Bei ihm bleibt die Figur erkennbar, aber ihre Integrität ist zerstört.

Damit berührt die Ausstellung eine zentrale Entwicklung der Kunst nach 1945. Während die Abstraktion lange als eigentliche Zukunft der modernen Malerei erschien, behaupteten Picasso und Bacon die Figur auf jeweils völlig unterschiedliche Weise. Der Mensch verschwand nicht aus der Malerei; vielmehr wurde seine Darstellung zum Experimentierfeld für Angst, Sexualität, Gewalt und Identität.

Gerade aus heutiger Perspektive wirkt diese Malerei bemerkenswert aktuell. Eine Epoche, die von fotografischer Allgegenwart, digitaler Selbstinszenierung und einer scheinbar grenzenlosen Produktion von Menschenbildern geprägt ist, kennt den Körper zugleich als Objekt der Optimierung und als Projektionsfläche psychischer Konflikte. Picasso und Bacon erinnern daran, dass ein Bild des Menschen nicht zwangsläufig dann wahrer wird, wenn es äußerlich ähnlich sieht.

Die ALBERTINA als historischer Resonanzraum

Für diese Ausstellung ist die Wahl des Ortes mehr als eine Frage der Infrastruktur. Die ALBERTINA gehört zu den bedeutendsten Kunstmuseen Wiens und besitzt mit ihrer grafischen Sammlung einen Bestand von mehr als einer Million Zeichnungen und Druckgrafiken von der Spätgotik bis zur Gegenwart. Die Sammlung geht auf Herzog Albert von Sachsen-Teschen zurück, der sie im späten 18. Jahrhundert systematisch aufbaute.

Auch architektonisch besitzt das Museum eine besondere Stellung. Die ALBERTINA befindet sich im ehemaligen Palais Herzog Alberts auf der Augustinerbastei, unmittelbar im historischen Zentrum Wiens zwischen Staatsoper, Kärntnerstraße und Hofburg. Der Haupteingang liegt auf der Bastion der ehemaligen Stadtbefestigung.

Die historische Architektur und die großformatigen Ausstellungsräume schaffen einen bemerkenswerten Kontrast zur körperlich aufgeladenen Malerei von Picasso und Bacon. Gerade die repräsentative Geschichte des Hauses macht die Konfrontation mit zwei Künstlern, deren Menschenbilder so wenig repräsentativ und so ausgesprochen verstörend sind, produktiv.

Praktische Informationen für den Besuch

„PICASSO – BACON. What It Feels Like to Be Human“ ist vom 18. September 2026 bis 31. Jänner 2027 in der ALBERTINA Wien zu sehen.

Ort: ALBERTINA, Wien, Albertinaplatz 1
Öffnungszeiten: täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags bis 21 Uhr.
Eintritt: regulär 20,90 Euro; ermäßigt unter anderem für Besucher unter 26 Jahren und Senioren ab 65 Jahren 17,50 Euro; Kinder unter 19 Jahren haben freien Eintritt.
Führungen: Öffentliche Führungen zur Ausstellung dauern eine Stunde und kosten 6 Euro zusätzlich zum Eintritt; Termine werden in deutscher und englischer Sprache angeboten.

Die ALBERTINA ist mit U1, U2 und U4 über die Station Karlsplatz/Oper sowie mit der U3 über Stephansplatz erreichbar. Mehrere Straßenbahnlinien und die Buslinie 2A halten ebenfalls in unmittelbarer Nähe. Das Museum ist vollständig barrierefrei zugänglich; der Haupteingang ist über Rolltreppe oder Aufzug erreichbar. Museumsshop und DO&CO-Restaurant können auch ohne Eintrittskarte besucht werden.

Fazit: Kein Dialog der Harmonie

Die Stärke dieser Ausstellung liegt nicht darin, Picasso und Bacon zu zwei Seiten derselben Medaille zu erklären. Gerade das wäre kunsthistorisch zu bequem. Ihre Gemeinsamkeiten sind real, doch ihre künstlerischen Antworten auf die menschliche Existenz unterscheiden sich fundamental.

Picasso zerlegt den Körper, um neue Möglichkeiten der Wahrnehmung zu eröffnen. Bacon deformiert ihn, um eine Wahrheit hinter der Oberfläche sichtbar zu machen. Zwischen beiden entsteht kein harmonischer Dialog, sondern eine produktive Spannung: Hier die souveräne Erfindungskraft der klassischen Moderne, dort die existenzielle Finsternis der Nachkriegszeit.

Die Ausstellung ist deshalb vor allem dann überzeugend, wenn sie nicht nach einem Sieger dieses imaginären Wettstreits sucht. Ihre eigentliche Pointe liegt in der Erkenntnis, dass die figurative Malerei des 20. Jahrhunderts den Menschen nicht trotz seiner Zerbrechlichkeit, sondern gerade durch sie neu erfunden hat. Picasso und Bacon zeigen zwei unterschiedliche Wege zu einer Kunst, die den Körper nicht beruhigt, sondern beunruhigt. Und vielleicht liegt genau darin ihre anhaltende Gegenwärtigkeit.

Quelle:

https://albertina.at/presse/ausstellungen/picasso-bacon

Bildnachweis:

Photo: Jules Verne Times Two / julesvernex2.com / CC-BY-SA-4.0

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