
Baselitz jetzt: Gegenwart als Zumutung und Behauptung – Salzburg
Wenn von deutscher Nachkriegskunst die Rede ist, führt an Georg Baselitz kaum ein Weg vorbei. Seit den 1960er Jahren hat er das Verhältnis von Figur, Geschichte und malerischer Geste mit einer Radikalität befragt, die bis heute nachwirkt. Baselitz gehört zu jenen Künstlern, die nicht bloß einen unverwechselbaren Stil ausgebildet haben, sondern die Bedingungen des Bildes selbst zum Gegenstand machten. Seine berühmt gewordenen auf den Kopf gestellten Motive sind dabei nie nur ein Wiedererkennungszeichen gewesen. Vielmehr markieren sie eine Methode der Verfremdung, ein bewusstes Hindernis gegen allzu schnelle Lesbarkeit. Die Ausstellung „Baselitz jetzt“ im Museum der Moderne Salzburg setzt genau hier an: nicht als retrospektive Nacherzählung eines kanonischen Werks, sondern als konzentrierter Blick auf das Spätwerk eines Künstlers, der sich dem eigenen Ruhm nicht ergeben hat.
Das Spätwerk
Im Zentrum der Schau stehen aktuelle Arbeiten, die zeigen, wie unbeirrt Baselitz auch im hohen Alter an einer Kunst festhält, die Reibung erzeugen will. Das Spätwerk erscheint hier nicht als ruhig gewordene Summe eines Lebenswerks, sondern als Phase neuer Verdichtung. Die Gestik wird freier, der Bildraum offener, die Figuren scheinen sich zwischen Auflösung und Behauptung zu bewegen. Gerade darin liegt die eigentümliche Spannung dieser Werke: Sie sind von großer malerischer Souveränität und zugleich von einer demonstrativen Brüchigkeit geprägt. Nichts wirkt abschließend geklärt, alles bleibt in Bewegung.
Inhaltlich kreist Baselitz weiterhin um Themen, die sein Werk seit Jahrzehnten bestimmen: Körper und Fragment, Erinnerung und Identität, Herkunft und historische Last. Doch in den neueren Arbeiten treten Motive des Alterns, der Endlichkeit und der Selbstbefragung stärker hervor. Das eigene Künstlerdasein wird zum Bildgegenstand, ohne in bloße Selbstinszenierung umzuschlagen. Vielmehr zeigt sich ein Künstler, der die Verletzlichkeit des Körpers ebenso ernst nimmt wie die Persistenz der Malerei. Das macht diese Ausstellung auch zu einem Nachdenken über Zeit: über historische Zeit, biografische Zeit und die Zeit des Blicks.
Die Präsentation gewinnt ihre Kraft aus der Konzentration. Sie setzt nicht auf Überfülle, sondern auf eine präzise Auswahl, die Baselitz’ jüngste Arbeit als offene Denkbewegung lesbar macht. Gerade diese kuratorische Zurückhaltung ist überzeugend. Die Ausstellung scheint weniger darauf aus zu sein, ein monumentales Künstlerbild zu festigen, als die Widersprüche und Verschiebungen im Werk sichtbar zu machen. Dadurch entsteht keine triumphale Altersbilanz, sondern eine differenzierte, manchmal sperrige, aber gerade deshalb erhellende Erzählung über künstlerische Beharrlichkeit.
Für Baselitz ist das Bild kein Fenster zur Welt, sondern ein Austragungsort von Konflikten. Diese Haltung wird in der Inszenierung deutlich, sofern die Räume den Arbeiten genügend Eigenständigkeit lassen. Die Hängung folgt offenbar keiner rein chronologischen Logik, sondern bevorzugt motivische und formale Korrespondenzen. Das erlaubt es, Entwicklungen im Werk nicht als linearen Fortschritt zu lesen, sondern als Wiederaufnahme, Variation und Brechung. Solche kuratorischen Entscheidungen sind bei einem Künstler wie Baselitz besonders sinnvoll, weil sein Werk ohnehin nicht aus harmonischer Entwicklung besteht, sondern aus wiederholten Setzungen, Rücknahmen und Konfrontationen.
Besondere Aufmerksamkeit verdienen jene Arbeiten, in denen die Figur fast nur noch als Spur auftritt. Hier zeigt sich Baselitz als Maler, der den Gegenstand nie ganz verabschiedet, ihn aber an die Grenze der Erkennbarkeit treibt. Diese Ambivalenz – zwischen Figuration und formaler Eigenständigkeit – gehört zu den stärksten Momenten der Ausstellung. Zugleich wird sichtbar, wie sehr Baselitz’ Werk in der Tradition europäischer Malerei steht, ohne in Traditionalismus zu verfallen. Anklänge an den Expressionismus, an barocke Körperlichkeit oder an die Wucht eines existenziell aufgeladenen Bildbegriffs lassen sich erkennen, doch sie erscheinen stets transformiert, in eine heutige, oft harsche Bildsprache überführt.
Im größeren Zusammenhang der Gegenwartskunst wirkt Baselitz weiterhin wie ein Solitär. In einer Zeit, in der sich Kunst oft diskursiv absichert oder in installativen Raumkonzepten entfaltet, beharrt er auf der Malerei als unmittelbarer Form der Setzung. Das kann altmeisterlich wirken, bisweilen auch trotzig. Doch gerade diese Sperrigkeit bewahrt die Relevanz seines Werks. „Baselitz jetzt“ zeigt, dass Malerei auch heute noch ein Medium sein kann, in dem Erfahrung nicht illustriert, sondern zugespitzt wird. Die Ausstellung ist deshalb mehr als ein Beitrag zur Pflege eines großen Namens; sie ist auch ein Prüfstein für die Frage, wie gegenwärtig eine heroisch aufgeladene, körperlich forcierte Malerei heute noch sein kann.
Das Museum in Salzburg
Das Museum der Moderne Salzburg bietet für eine solche Auseinandersetzung einen passenden Rahmen. Mit seinen beiden Häusern, dem Rupertinum in der Altstadt und dem markant über der Stadt gelegenen Museum auf dem Mönchsberg, gehört es zu den wichtigsten Institutionen für moderne und zeitgenössische Kunst in Österreich. Das Haus am Mönchsberg überzeugt nicht nur durch seine klare, zeitgenössische Architektur und die eindrucksvolle Lage über den Dächern Salzburgs, sondern auch durch ein Ausstellungsprogramm, das internationale Positionen mit kunsthistorischer Reflexion verbindet. Die Sammlung umfasst zentrale Werke der Moderne und Gegenwart und hat dem Museum einen festen Platz in der mitteleuropäischen Museumslandschaft gesichert. Gerade in Salzburg, einer Stadt, die oft zuerst mit Musik und Festspielkultur assoziiert wird, setzt das Museum einen wichtigen bildkünstlerischen Akzent.
Praktisch ist die Ausstellung im Museum der Moderne Salzburg zu sehen; die genauen Angaben zu Laufzeit, Öffnungszeiten, Eintrittspreisen, Führungen und Serviceangeboten finden sich auf der Website des Hauses. Dort sind in der Regel auch Hinweise zur Anreise verfügbar, sowohl für den Zugang zum Mönchsberg als auch zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Barrierefreiheit und aktuellen Ticketinformationen. Angesichts der Lage des Museums empfiehlt es sich, den Besuch mit etwas Zeit für den Ort selbst zu verbinden: Der Mönchsberg ist nicht nur musealer Standort, sondern Teil des Gesamterlebnisses.
Fazit
Das Fazit fällt positiv aus, wenn auch nicht vorbehaltlos. „Baselitz jetzt“ ist keine gefällige Ausstellung, und sie will es erkennbar auch nicht sein. Wer von ihr harmonische Altersweisheit oder versöhnliche Rückschau erwartet, wird eher auf Widerstände treffen. Gerade das ist ihre Qualität. Die Schau zeigt einen Künstler, der sich dem Status des Klassikers entzieht, indem er weiter riskiert. Nicht jede Arbeit mag dieselbe Intensität entfalten, nicht jede Geste hat noch die Schockkraft früherer Jahrzehnte. Aber die Ausstellung macht sichtbar, dass Baselitz’ Spätwerk keine bloße Verlängerung des Bekannten ist. Es ist ein ernsthafter, bisweilen rauer Versuch, Malerei als Ort der Gegenwart zu behaupten. In einer Kunstlandschaft, die sich gern in Eindeutigkeiten einrichtet, ist das von beachtlicher Dringlichkeit.
Weitere Informationen zur Ausstellung:
https://www.museumdermoderne.at/ausstellungen/detail/baselitz-jetzt/



