David Hockney: A Year in Normandie and Some Other Thoughts about Painting, installation view, Serpentine North, 2026 © David Hockney. Photo: George Darrell

David Hockney in der Serpentine: Malerei als Zeitraum, Landschaft als Gedächtnis

Wenn von David Hockney die Rede ist, fällt meist rasch das Stichwort der heiteren Modernität: Swimmingpools, kalifornisches Licht, klare Linien, die demonstrative Lust an Farbe und Fläche. Doch diese geläufige Ikonographie greift zu kurz. Hockneys Werk war stets auch von einer beharrlichen Auseinandersetzung mit den Grundfragen der Malerei bestimmt: Wie lässt sich Zeit in Bildern fassen? Wie verhält sich Sehen zum Erinnern? Und wie kann eine Landschaft mehr sein als bloße Ansicht, nämlich Erfahrungsraum, Bewegung, Dauer? Die Ausstellung „David Hockney: A Year in Normandie and Some Other Thoughts About Painting“ in der Serpentine Galleries in London setzt genau hier an. Sie zeigt einen Künstler, der im hohen Alter nicht retrospektiv erstarrt, sondern mit erstaunlicher Frische und formaler Unruhe weiterarbeitet.

Ein monumentales Jahresbild

Im Zentrum der Ausstellung steht Hockneys monumentales Werk „A Year in Normandie“. Dieses mehr als 90 Meter lange Bild entstand auf dem iPad und wurde als kontinuierlicher Fries konzipiert. Es zeigt einen Garten in der Normandie, den Wechsel der Jahreszeiten, das Wachsen, Vergehen und Wiederkehren der Vegetation. Schon das Format ist mehr als spektakulär; es ist programmatisch. Hockney interessiert nicht die einzelne pittoreske Ansicht, sondern der fortlaufende Rhythmus der Natur. Der Garten wird zum Zeitband, das Frühling, Sommer, Herbst und Winter nicht trennt, sondern als visuelle Kontinuität erfahrbar macht.

Darin liegt eine kunsthistorische Pointe. Der Fries erinnert an historische Bildtraditionen, an Tapisserien ebenso wie an panoramatische Erzählformen. Zugleich verweigert Hockney die lineare Narration. Sein Normandie-Bild ist weder klassisches Landschaftsgemälde noch bloß digitale Zeichnung, sondern eine malerische Meditation über Dauer. Dass dieses Werk auf einem iPad entstand, ist dabei nicht nebensächlich. Hockney zählt seit langem zu jenen Künstlern, die digitale Werkzeuge nicht als Gegensatz zur Malerei begreifen, sondern als Erweiterung ihres Vokabulars. Die technische Neuerung dient nicht dem Effekt, sondern der Intensivierung eines alten Problems: Wie kann ein Bild den Fluss der Zeit speichern?

Natur, Wahrnehmung, Erinnerung

Die inhaltlichen Schwerpunkte der Ausstellung kreisen um jene Themen, die Hockney seit Jahrzehnten beschäftigen: Landschaft, Perspektive, Wahrnehmung und die Möglichkeiten des Bildes im Zeitalter technischer Reproduzierbarkeit. „A Year in Normandie“ steht dabei nicht isoliert, sondern wird von weiteren Arbeiten begleitet, die als Reflexionsräume fungieren. Der Untertitel „and Some Other Thoughts About Painting“ ist wörtlich zu nehmen: Die Ausstellung ist nicht bloß Präsentation eines Hauptwerks, sondern eine Art visuelles Essay über Malerei.

Hockneys Position ist in ihrer Konsequenz bemerkenswert unzeitgemäß und gerade deshalb gegenwärtig. Während weite Teile der zeitgenössischen Kunst auf Diskurs, Archiv oder soziale Intervention setzen, besteht er auf der Produktivität des Sehens. Das ist keineswegs eskapistisch. In der Konzentration auf Bäume, Wege, Blätter und Lichtverhältnisse steckt vielmehr eine beharrliche Verteidigung der Aufmerksamkeit. Gerade ein Werk wie „A Year in Normandie“, entstanden in einer Zeit globaler Verunsicherung, liest sich auch als Antwort auf eine beschleunigte, medial überformte Gegenwart: als Entschleunigung durch Bildarbeit.

Kuratorisches Konzept: Raum als Bildträger

Die Serpentine inszeniert das Hauptwerk nicht als bloßes Ausstellungsobjekt, sondern als räumliche Erfahrung. Das lange, horizontale Format verlangt eine andere Rezeptionsweise als das übliche Stehen vor einem Einzelbild. Man bewegt sich am Werk entlang, tastet gewissermaßen die Zeit ab. Diese Choreographie des Schauens gehört zum kuratorischen Konzept. Die Ausstellung macht anschaulich, dass Hockneys Bild nicht auf einen Blick konsumiert werden kann; es entfaltet sich seriell, beinahe filmisch, und verlangt ein körperliches Verhältnis zum Raum.

Gerade diese Inszenierung ist eine Stärke der Präsentation. Sie betont den Zusammenhang von Malerei und Bewegung, ohne die Arbeiten in Eventästhetik aufzulösen. Der Raum wird zum Resonanzkörper für Hockneys Überlegungen zur Perspektive. Seit langem wendet er sich gegen die Herrschaft des fotografischen Ein-Punkt-Blicks und plädiert für ein multipleres, lebendigeres Sehen. In der Serpentine wird diese Haltung in eine überzeugende Ausstellungsdramaturgie übersetzt.

Hockney im Spätwerk: keine Bilanz, sondern Verdichtung

Es wäre verführerisch, die Ausstellung als spätes Resümee eines großen Malers zu lesen. Doch treffender ist es, von einer Verdichtung zu sprechen. Hockney kehrt in der Normandie zu Motiven zurück, die sein Werk seit langem strukturieren, und führt sie zugleich in neue mediale und formale Zusammenhänge. Die Landschaft wird nicht idealisiert, sondern als Ort permanenter Veränderung begriffen. Das iPad fungiert nicht als modische Geste, sondern als Werkzeug einer Malerei, die hellwach geblieben ist.

Im Werkzusammenhang erscheint „A Year in Normandie“ daher als Fortsetzung jener groß angelegten Naturbeobachtungen, die schon die Yorkshire-Bilder ausgezeichnet haben. Zugleich verschiebt sich der Akzent. Wo frühere Arbeiten oft noch stärker in der Tradition des Tafelbildes oder des mehrteiligen Landschaftspanoramas standen, gewinnt hier die Vorstellung des kontinuierlichen Bildstroms die Oberhand. Hockney bleibt Maler, aber einer, der die Grenzen des Mediums ausdehnt.

Die Serpentine Galleries als Ort

Die Serpentine Galleries gehören seit Jahrzehnten zu den wichtigsten Institutionen für moderne und zeitgenössische Kunst in London. Im Kensington Gardens gelegen, verbinden sie eine besondere kulturelle Lage mit programmatischer Offenheit. Die Serpentine South, ein klassizistisches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, und die Serpentine North mit ihrer markanten Erweiterung von Zaha Hadid stehen exemplarisch für das Profil des Hauses: historische Architektur und gegenwärtige Kunst in produktiver Spannung. Die Institution ist weniger Sammlungsmuseum als Ausstellungshaus, das immer wieder prägnante, diskursive Präsentationen ermöglicht. Für einen Künstler wie Hockney, der zwischen Tradition und Gegenwart operiert, ist dies ein passender Ort.

Praktische Informationen

Die Ausstellung „David Hockney: A Year in Normandie and Some Other Thoughts About Painting“ war in den Serpentine Galleries in London zu sehen. Die Serpentine befindet sich in Kensington Gardens, London. Die Häuser sind in der Regel gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar, unter anderem über die U-Bahn-Stationen Lancaster Gate, Marble Arch, Knightsbridge oder South Kensington, je nach Zugang und gewähltem Galeriestandort. Die Serpentine Galleries sind bekannt dafür, kostenfreien Eintritt anzubieten, was für Londoner Institutionen dieser Qualität bemerkenswert bleibt. Übliche Informationen zu Öffnungszeiten, Barrierefreiheit, Serviceangeboten und eventuellen Begleitveranstaltungen werden über die Website der Institution bereitgestellt. Da Ausstellungen, Zeitfenster und organisatorische Details variieren können, ist der Blick auf die aktuelle Museumsseite unerlässlich.

Praktische Informationen für den Besuch

  • Ort: Serpentine North Gallery, London
  • Ausstellungszeitraum: 12 March – 23 August 2026
  • Öffnungszeiten: Dienstag – Sonntag, Feiertag 11 – 18 Uhr

Fazit

Diese Ausstellung ist keine sentimentale Feier eines prominenten Künstlernamens, sondern eine konzentrierte Untersuchung darüber, was Malerei heute noch leisten kann. Hockneys Normandie-Bild beeindruckt nicht nur durch seine Dimension, sondern durch seine intellektuelle Klarheit. Es zeigt Natur als Abfolge und Gleichzeitigkeit, als Erinnerung und Beobachtung, als malerisch erzeugten Zeitraum. Die Serpentine gelingt es, diese Idee räumlich plausibel zu machen und Hockneys Überlegungen zur Wahrnehmung in eine schlüssige Ausstellungserfahrung zu überführen.

Kritisch ließe sich anmerken, dass Hockneys emphatisches Festhalten am Sehen bisweilen den sozialen und politischen Horizont der Gegenwart ausblendet. Doch gerade in dieser Konzentration liegt auch die Eigenständigkeit seines Ansatzes. Die Ausstellung behauptet die Relevanz der Malerei nicht über theoretische Absicherung, sondern über Anschauung. Das ist anspruchsvoll, altmodisch im besten Sinne und überraschend gegenwärtig.

Ausstellungslink:
https://www.serpentinegalleries.org/whats-on/david-hockney-a-year-in-normandie-and-some-other-thoughts-about-painting-exhibition-serpentine-galleries/

Bildquelle:

David Hockney: A Year in Normandie and Some Other Thoughts about Painting, installation view, Serpentine North, 2026 © David Hockney. Photo: George Darrell

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