Meeresrauschen und Tiefseeforschung im Deutschen Historischen Museum

Wer kennt nicht die Sehnsucht nach den unendlichen Weiten des Ozeans? Nach der ungebändigten Macht der Elemente oder dem Glitzern und Kräuseln der sanften Wogen? Und wer würde Gottfried Benn nicht aus tiefster Seele zustimmen, wenn er schreibt: Was schlimm ist – nachts auf Reisen Wellen schlagen hören und sich sagen, dass sie das immer tun.

Fast zwei Drittel der Europäer teilen die Sehnsucht nach dem Meer und verbringen ihren Urlaub an der Küste. Kein Wunder, denn Europa ist ein maritimer Kontinent. Mit seinen fast 70.000 Kilometern Küstenlänge hat er im Verhältnis zur Landfläche einen größeren Meeresanteil als jeder andere Erdteil. Von den ersten seefahrenden Völkern der Antike bis zu den heutigen Migrationswellen, von Herrschaft und Handelswegen bis zur Nutzung der Meeresressourcen: Die Menschen leben an und mit und von den Weiten des Meeres.

Nun geht das Deutsche Historische Museum dieser immensen Bedeutung des Meeres nach und betritt damit Neuland: Bislang hat noch keine Sonderausstellung den Versuch unternommen, die Geschichte und Kultur Europas vom Meer aus zu denken. Doch es gelingt wunderbar! Konsequenterweise wird der Besucher schon im Eingangsbereich mit Wellenrauschen begrüßt, das ein Atoll aus vielen kleinen Themeninseln umspielt. Die einzelnen Inseln stellen jeweils einen Aspekt in den Vordergrund und eine exemplarische Hafenstadt ins Zentrum: So beginnt der Rundgang bei Odysseus, den Mythen der Antike und dem Hafen Piräus. Über Venedig und die Beherrschung der Meere geht es weiter zu Handel (Danzig), Schiffbau (Amsterdam), Sklavenhandel (Nantes), Auswanderung (Bremerhaven) bis hin zur Meeresforschung (Kiel) und dem Seebädertourismus (Brighton).

 

Wie auf einer Seereise landet der Besucher immer wieder an neuen Gestaden an und erlebt das Thema aus den unterschiedlichsten Perspektiven. Man kann sich mit Genuss treiben lassen und entdeckt immer wieder atemberaubende Exponate und sorgfältig aufbereitete Informationen: So die Ladung eines im 15. Jahrhundert in der Danziger Bucht gesunkenen Schiffes. Die Fässer, Kupferplatten und Holzplanken wurden beim Brand des Schiffes von Teer umschlossen und haben sich über die Jahrhunderte im Wasser erhalten.

Erstaunlich alt ist auch ein handtellergroßer Schiffszwieback, den sich im 18. Jahrhundert ein Matrose vom Mund absparte, mit einer eingeritzten Inschrift versah und seiner Liebsten widmete. Die Kuratoren der Ausstellung behaupten gar, man könnte den Zwieback heute noch einweichen und verzehren. Auf einen Versuch sollte man es aber nicht ankommen lassen!

In der frühen Neuzeit ging die Eroberung neuer Welten von den Häfen Spaniens und Portugals aus. Hier wird sie aus erfrischend ungewohnter Perspektive geschildert: Knapp 200 Jahre vor Christoph Kolumbus‘ Aufbruch nach Westen waren schon die Kanarischen Inseln (wieder)entdeckt, bereist und schließlich blutig erobert worden. Eine wunderschöne Venusfigur berichtet als stilles Zeugnis von der untergegangenen Kultur der Guanchen auf Teneriffa.

 

Dass die maritimen Unternehmungen der Europäer jahrhundertelang mit Tod und Verderben verbunden waren, bezeugt eine weitere Themeninsel, die sich einfühlsam der Geschichte der Sklaverei widmet. Mehr als 13 Millionen Menschen wurden von europäischen Kaufleuten von der afrikanischen Küste auf die Zuckerrohr- und Baumwollplantagen Nordamerikas gebracht. Und da die Schiffe von Europa aus mit Handelswaren starteten, an der Küste Westafrikas diese Waren gegen Sklaven eintauschten, die Sklaven nach Amerika verbrachten und von dort mit Handelswaren zurückkamen, geschah dieser gigantische Menschenhandel weitgehend außerhalb des Gesichtsfelds der europäischen Bevölkerung! Die Hafenstadt Nantes beispielsweise ist in diesem Dreieckshandel zu Reichtum gelangt und stellt sich heute ihrer schwierigen Vergangenheit.

Eindrücklich kann der Besucher nachvollziehen, wie sich Europa von einem Auswanderungs- zu einem Einwanderungskontinent wandelte. Denn sowohl die Auswanderungswellen des 19. Jahrhunderts als auch die heutige Einwanderung vollzieht sich weitgehend über den Meerweg. Doch während die Auswanderer große Holzschalenkoffer mit sich führten, besitzen die heutigen Flüchtlinge oft nur das, was sie am Leibe tragen. In kurzen, bewegenden Videosequenzen kommen vier Geflüchtete aus Afghanistan, Kamerun, Syrien und dem Iran zu Wort. Sie sprechen über den Gegenstand, der ihnen auf der Flucht übers Meer am meisten geholfen hat: ein Handy, eine wasserdichte Bauchtasche oder einen Rosenkranz. Nur zu verständlich, dass sie dem Meer keine romantischen Gefühle abgewinnen können.

 

Heutzutage sind aber nicht mehr nur die seereisenden Menschen in Gefahr. Auch das Meer selbst steht kurz vor dem Kollaps: Exzessive Ausbeutung und Vermüllung haben die Weltmeere an den Rand des Abgrunds gebracht. Fisch, Öl, Seltene Erden, Manganknollen… einst schienen die Reichtümer des Meeres unerschöpflich. Doch heute prangt eine mannshohe Säule, gefüllt mit Meeresmüll, in der Mitte der Themeninsel, die sich den maritimen Ressourcen widmet. Plastikmüll und Geisternetze sind tödliche Fallen für die Meeresbewohner. Ein trauriger Anblick!

Gleich nebenan keimt allerdings Hoffnung auf: Die Meeresforschung, wie sie beispielsweise am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel betrieben wird, untersucht die Rolle der Meere in den Zeiten des Klimawandels und den Einfluss des Menschen auf die maritimen Ökosysteme. Von präparierten Tiefseefischen bis zu futuristischen Unterwasser-Observatorien und raketenförmigen Tiefsee-Sonaren hat die Meeresforschung viel Aufregendes zu bieten! Vor allem verbindet sich mit ihr die Hoffnung auf ein besseres Verständnis der Meereswelten und einen respektvolleren Umgang mit diesem so wichtigen Lebensraum. Denn nicht nur für die Meereslebewesen, auch für die gesamte Menschheit ist die Gesundheit der Meere überlebenswichtig.

Das Meer hat also viele Facetten: Nachdem es jahrhundertelang ein unberechenbares und gefürchtetes Element gewesen ist, wandelte es sich am Ende des 19. Jahrhunderts zu dem Sehnsuchts- und Urlaubsort, den wir heute kennen. Jetzt, im 21. Jahrhundert, wissen wir, dass das Meer uns mitreißen kann in den Strudel der Vernichtung, wenn wir nicht achtsamer mit ihm umgehen.

So endet die Ausstellung mit dem Triptychon „Nordsee“ des zeitgenössischen Künstlers Jochen Hein. Es zeigt die brodelnde See mit ihrer schäumenden Brandung oder, in den Worten des Künstlers, „die Sturmflut, die sich das Land zurückholt.“ Ein Menetekel zwischen Faszination und ehrfurchtgebietender Urgewalt.

 

Die Ausstellung „Europa und das Meer“ ist noch bis zum 6. Januar 2019 im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen. Sie wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm aus Vorträgen und Podiumsdiskussionen begleitet. Zur Ausstellung ist ein reich bebilderter Katalog erschienen.

 

Deutsches Historisches Museum

Unter den Linden 2

10117 Berlin

www.dhm.de