Sehnsucht nach Konstantinopel – Europa sucht den Orient

Ein sommerlicher Ausflug in die Niederlausitz? In ferne Welten und exotische Gefilde?

Im Südosten Brandenburgs, vor den Toren der Stadt Cottbus, liegt das Schloss Branitz mit seinem weitläufigen Park. Hier lebten im 19. Jahrhundert zwei außergewöhnliche Persönlichkeiten: Fürst Hermann von Pückler-Muskau und seine Frau Lucie. Von Fürst Pückler kennen die meisten von uns nur seine Vorliebe für dreifarbiges Eis. Doch der exzentrische Fürst war weit mehr als bloß ein verwöhnter Verkoster exklusiver Süßspeisen. Er war Landschaftskünstler, passionierter Reisender, erfolgreicher Schriftsteller und frönte einer Leidenschaft, die damals schwer in Mode war: der Begeisterung für alles Orientalische und Exotische. Die derzeitige Sonderausstellung im Schloss Branitz widmet sich nun dieser weit verbreiteten „Sehnsucht nach Konstantinopel“.

Die Pyramiden, das Goldene Horn, das Heilige Land: Von Alexander von Humboldt über die Ägyptologen Heinrich Brugsch und Richard Lepsius, den Architekten Carl von Diebitsch bis hin zu Friedrich Wilhelm IV. und dem preußischen Hof – sie alle teilten sie Faszination für die weiten, exotischen Gefilde voller Geheimnisse und unbekannter Kulturen. Und auch Fürst Pückler gestand schon 1818 seiner frisch angetrauten Frau Lucie, er habe solche Sehnsucht nach Konstantinopel!

Doch er musste sich gedulden. Erst 1834, knapp fünfzigjährig, macht er sich auf zu einer sechsjährigen Reise durch Frankreich, Nordafrika, den Vorderen Orient und das Osmanische Reich. Er reist den Nil landeinwärts, sieht Jerusalem, Damaskus, Aleppo und Konstantinopel, tauscht und kauft ein und trägt eine beachtliche Zahl an Reisesouvenirs zusammen, die er in Kisten verpacken und an Lucie schicken lässt: Messingwaren, Dolche, Tabakspfeifen, ägyptische Statuetten und mit Perlmutt verzierte Truhen – all das ist jetzt in der Sonderausstellung zu sehen.

Gleich nebenan, Tür an Tür mit den Ausstellungsräumen, liegen die Orienträume, die Pückler sich nach seiner Übersiedlung nach Branitz einrichten ließ. Sie werden im Moment restauriert, sind also nicht begeh- jedoch einsehbar. Und wer Glück hat, kann die Restauratorin bei ihrer Arbeit erleben und beobachten, wie die einst unerhört bunten Wandbemalungen Stück für Stück wieder in ihrer alten Pracht erstrahlen.

Nach seiner Rückkehr schrieb Pückler unermüdlich an seinen Reiseberichten. Zwanzig Bände sollten seine Erinnerungen schließlich füllen, ihn zu einem europaweit bekannten Schriftsteller machen und das Bild der Europäer vom Orient nachhaltig prägen. Denn so groß die Begeisterung des 19. Jahrhunderts für den Orient auch war, für die meisten Zeitgenossen mussten die fernen, exotischen Welten ein schöner Traum bleiben. Nur wenige konnten sich die Reise leisten, denn neben einem gutgefüllten Geldbeutel waren Empfehlungsschreiben und gute Beziehungen zu den gesellschaftlichen Eliten der jeweiligen Länder vonnöten. So behalfen sich die Daheimgebliebenen mit literarischen Berichten, Abenteuerromanen, Bilderbögen, Dioramen und Panoramen. Ein ägyptischer Tempel aus Pappe oder ein Lampenschirm mit der Weihnachtsgeschichte zeigen anschaulich den schmalen Grat zwischen inszeniertem Fernweh und romantischen Klischeevorstellungen.

Auch Fürst Pückler war ein Meister der Inszenierung: Auf seiner Rückreise reist er mit großem Pomp in Wien ein und präsentierte sich bei Hof. In seinem Gefolge: edle Araberhengste und zwei Sklaven in orientalischen Kostümen, die er wie Trophäen herumzeigen lässt. Die blutjunge Sklavin Machbuba stirbt schon wenige Monate später an Tuberkulose. Ihr Leidensgenosse Joladour wird gegen seinen Besitzer aufbegehren, in die Armee abgeschoben und schließlich in die Dienste des Prinzen Carl von Preußen gelangen.

Die Ausstellung scheut sich nicht, auch diese dunklen Seiten der Orientbegeisterung zu thematisieren: Waren Fürst Pückler und die ersten Orientreisenden gewissenlose Abenteurer? Vorkolonialistische Sensationsjournalisten? Oder Versöhner der Welten und Mittler zwischen den Kulturen? Im Fürst-Pückler-Museum in Branitz können Sie dies in aller Ruhe erkunden.

Die Ausstellung im Schloss Branitz ist noch bis zum 25. November 2018 zu sehen.

 

Am 20. Juni 2018 um 18:30 Uhr hält Silke Kreibich, die Kuratorin der Ausstellung, im Besucherzentrum auf dem Gutshof Branitz einen Vortrag zum Thema

Zwischen Refugium und Repräsentation – Fürst Pücklers Orientzimmer in Branitz

Stiftung Fürst-Pückler-Museum

Park und Schloss Branitz

Robinienweg 5

03042 Cottbus

www.pueckler-museum.de

 

Fotos © Gerd Rattei und Katharina Matthies