November 1918 – Hohe Wellen im Reichskriegshafen Kiel

Frieden, Freiheit und Brot – nicht mehr und nicht weniger fordern die Matrosen der Schlachtschiffe „Thüringen“ und „Helgoland“ im Herbst 1918. Vier lange Kriegsjahre hat die Marine in Kiel und Wilhelmshaven auf Reede gelegen und auf ihre große Stunde gewartet. Jetzt, da die Friedensverhandlungen laufen, fürchtet die Admiralität, die Schiffe an England abgeben zu müssen und plant einen letzten, ehrenvollen Coup: eine Entscheidungsschlacht gegen die übermächtige Royal Navy. Ein Himmelfahrtskommando!

Zwischen dem sicheren Tod in der Schlacht und einer möglicherweise erfolgreichen Meuterei wählen die Matrosen der Schiffe Letzteres. Ende Oktober 1918 verweigern sie den Befehl zum Auslaufen. Um die Situation in Wilhelmshaven zu entspannen, werden die widerständigen Matrosen nach Kiel gebracht, einige von ihnen festgenommen. Doch die Kameraden auf Landgang wehren sich: Sie schließen sich zusammen und fordern die Freilassung der Inhaftierten. Teile der Kieler Arbeiterschaft und des Militärs schließen sich an und es kommt zum offenen Aufstand: dem Beginn der Revolution im Deutschen Kaiserreich.

Ganz Kiel steht 2018 daher im Zeichen dieser folgenreichen Ereignisse vor 100 Jahren: Diskussionsveranstaltungen, Lesungen, Stadtrundgänge – Kiel nutzt das Jubiläum, um die Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen. Das Thema heute wie damals: Demokratie, Frieden, Selbstbestimmung.

Herzstück dieses Jubiläumsjahres ist eine Sonderausstellung im Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum Fischhalle. Direkt an der Kieler Föhrde, gegenüber der alten HDW gelegen, ist die ehemalige Fischauktionshalle ohnehin einen Besuch wert. In diesem Jahr beherbergt sie die sehenswerte Ausstellung „1918 – Die Stunde der Matrosen“. Die spannt sich von der Vorkriegsgesellschaft im Kaiserreich über den nationalistischen Wahn im Ersten Weltkrieg, über Propaganda, Versorgungsmängel und politischen Umbrüche bis hin zu den Kieler Ereignissen zwischen dem 1. und dem 10. November 1918. Der Matrosenaufstand beschleunigte zwar den Waffenstillstand und leitete die Räterepublik ein, bot in der Folge aber auch den Nährboden für die sog. Dolchstoßlegende. Konsequenterweise widmet sich die sorgfältig präsentierte Ausstellung daher auch den Spuren, die der Kieler Matrosenaufstand im kollektiven Gedächtnis der Weimarer Republik, Nazi-Deutschlands und in der Bundesrepublik und der DDR hinterlassen hat. Während Plakate und Propagandamittel in kleinen Kojen untergebracht sind, durchziehen zwei große Keile die zentrale Ausstellungshalle. Hier lernt der Besucher die Protagonisten und die Chronologie der Ereignisse kennen. Eine interaktive Karte veranschaulicht das Ausschwärmen der Matrosen ins gesamte Deutsche Reich: Denn die Revolution hat von Kiel ausgehend in mehreren Wellen das ganze Land erfasst und so die Forderungen der Matrosen überall bekannt gemacht.

Verrat? Meuterei? Zivilcourage? Oder legitimer Kampf um Teilhabe und Grundrechte? Der Matrosenaufstand ist ein Schlüsselereignis deutscher Geschichte, das in Kiel nun unter die Lupe genommen wird. Ohne Hurra-Geschrei, doch mit berechtigtem Stolz präsentiert sich die Stadt als Wiege der deutschen Demokratiebewegung – und verwickelt den Besucher unmerklich in eine tiefgehende Auseinandersetzung mit den bis heute gefährdeten Errungenschaften unserer politischen Selbstbestimmung. Auf keinen Fall zu versäumen!

Die Ausstellung ist noch bis 17. März 2019 im Kieler Stadt- und Schifffahrtsmuseum zu sehen.