Die Ausstellung geht der Frage nach, was Kleidung und Tätowierungen für die Identität eines Menschen bedeuten. Über die ursprüngliche Funktion der Kleidung als Schutz vor Witterung hinaus, erhielt die Kleidung sehr bald zahlreiche weitere Bedeutungen. Sie gab Auskunft über Geschlecht oder Familienstand, zeigte den sozialen Stand der Trägerin oder des Trägers. Und bis heute ist sie auch sichtbares Zeichen von Gruppenzugehörigkeit oder Individualität. Auch Ausgrenzung aus der Gesellschaft wurde mittels Kleidung signalisiert. In zahlreichen Ländern sind insbesondere Frauen durch diskriminierende Kleidungsvorschriften massiv in ihrem Alltag eingeschränkt. So wird die Burka zum Gefängnis oder zum Schutzraum, der für die Trägerin in einer extrem frauenfeindlichen Umwelt notwendig wird. In Europa waren die Frauen lange Zeit durch die gesellschaftlich geforderte Kleidung stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, in ein Korsett eingeschnürt und mit bodenlangen weiten Röcken gekleidet, war den Frauen verwehrt, sich ihre Umwelt auf die gleiche Art wie die Männer anzueignen. Die vielfältigen Funktionen und Bedeutungen der Kleidung führen dazu, dass ein Kleidungsstück zum Speicher eines Teils der Biographie der Trägerin oder des Trägers wird und dabei auch zum Erinnerungsbehältnis an Lebenssituationen werden kann. Dies wird zum Ansatzpunkt für die Arbeiten der Künstlerinnen Sandra Heinz und Carola Willbrand. Beide Künstlerinnen wählen überwiegend getragene Textilien als Grundlage ihrer Arbeiten, die darin gespeicherte Geschichte wird Teil des Objekts. Sandra Heinz stellt Kleidungsstücke durch Bearbeitung in einen neuen Kontext, wobei sie gesammelte Kleidungsstücke zu Erinnerungsräumen werden lässt. Von Beschneidung elementarer Menschenrechte bei Frauen handelt die Arbeit „Für Nasima“, zarte Gazekleider werden durch die darauf geschriebenen Gebote und Verbote zu albtraumhaften Frauengefängnissen. Textilien und Nähmaschine als Traditionsbezug zur weiblichen Handarbeit stehen für die Auseinandersetzung mit der weiblichen Identität in den Arbeiten von Carola Willbrand, dabei haben viele ihrer Arbeiten performativen Charakter. In ihrer Arbeit „Schutzmantel für Künstlerinnen“ zeigt sie die Verletzlichkeit der Künstlerin und das Bedürfnis eines Schutzraumes. Viele Aspekte, die die Kleidung betreffen, gelten im erweiterten Sinne auch für das Tattoo. Die Technik, Bilder und Symbole dauerhaft auf die Haut zu bannen, hat eine uralte Tradition. Schon die steinzeitliche Eismumie „Ötzi“ weist Tätowierungen auf. Mutmaßlich handelt es sich um Zeichen, die einen Schutz des Trägers bewirken sollen. Bei modernen Tattoos spielte erst einmal die Gruppenzugehörigkeit eine Rolle, so waren es oft gesellschaftliche Randgruppen wie Kriminelle oder aber Seeleute, die tätowiert waren. Das Tattoo war mit gesellschaftlichem Stigma verbunden, heute ist es im Westen als Körperschmuck gesellschaftlich akzeptiert. Anders in Japan, wo sich zwar das Tätowieren zu einer Kunst entwickelte, Tätowierte aber stigmatisiert sind, da die Gesellschaft Tattoos mit der Yakuza verbindet. Alex (Horikitsune) Reinke (Holy Fox Tattoos, London) arbeitet als Tattookünstler nach japanischer Tradition. Seine Fotografien und Bücher erzählen die Geschichten hinter den Zeichen und gehen der Frage nach den unterschiedlichen Funktionen der Farbe auf dem Körper nach. Die Wurzeln der Motivik japanischer Tätowierungen werden durch zahlreiche traditionelle japanische Kunstgegenstände veranschaulicht.
27. Jun 2020 - 00:00
Herrnstr 80
Offenbach
63065
Germany

Current event for "Klingspor-Museum"

Bedeckt und unbedeckt. Körper und Identität

27. Jun 2020 - 00:00 – 13. Sep 2020 - 00:00
Klingspor-Museum

Die Ausstellung geht der Frage nach, was Kleidung und Tätowierungen für die Identität eines Menschen bedeuten. Über die ursprüngliche Funktion der Kleidung als Schutz vor Witterung hinaus, erhielt die Kleidung sehr bald zahlreiche weitere Bedeutungen. Sie gab Auskunft über Geschlecht oder Familienstand, zeigte den sozialen Stand der Trägerin oder des Trägers. Und bis heute ist sie auch sichtbares Zeichen von Gruppenzugehörigkeit oder Individualität.

Auch Ausgrenzung aus der Gesellschaft wurde mittels Kleidung signalisiert. In zahlreichen Ländern sind insbesondere Frauen durch diskriminierende Kleidungsvorschriften massiv in ihrem Alltag eingeschränkt. So wird die Burka zum Gefängnis oder zum Schutzraum, der für die Trägerin in einer extrem frauenfeindlichen Umwelt notwendig wird. In Europa waren die Frauen lange Zeit durch die gesellschaftlich geforderte Kleidung stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt, in ein Korsett eingeschnürt und mit bodenlangen weiten Röcken gekleidet, war den Frauen verwehrt, sich ihre Umwelt auf die gleiche Art wie die Männer anzueignen.

Die vielfältigen Funktionen und Bedeutungen der Kleidung führen dazu, dass ein Kleidungsstück zum Speicher eines Teils der Biographie der Trägerin oder des Trägers wird und dabei auch zum Erinnerungsbehältnis an Lebenssituationen werden kann. Dies wird zum Ansatzpunkt für die Arbeiten der Künstlerinnen Sandra Heinz und Carola Willbrand. Beide Künstlerinnen wählen überwiegend getragene Textilien als Grundlage ihrer Arbeiten, die darin gespeicherte Geschichte wird Teil des Objekts. Sandra Heinz stellt Kleidungsstücke durch Bearbeitung in einen neuen Kontext, wobei sie gesammelte Kleidungsstücke zu Erinnerungsräumen werden lässt. Von Beschneidung elementarer Menschenrechte bei Frauen handelt die Arbeit „Für Nasima“, zarte Gazekleider werden durch die darauf geschriebenen Gebote und Verbote zu albtraumhaften Frauengefängnissen. Textilien und Nähmaschine als Traditionsbezug zur weiblichen Handarbeit stehen für die Auseinandersetzung mit der weiblichen Identität in den Arbeiten von Carola Willbrand, dabei haben viele ihrer Arbeiten performativen Charakter. In ihrer Arbeit „Schutzmantel für Künstlerinnen“ zeigt sie die Verletzlichkeit der Künstlerin und das Bedürfnis eines Schutzraumes.

Viele Aspekte, die die Kleidung betreffen, gelten im erweiterten Sinne auch für das Tattoo. Die Technik, Bilder und Symbole dauerhaft auf die Haut zu bannen, hat eine uralte Tradition. Schon die steinzeitliche Eismumie „Ötzi“ weist Tätowierungen auf. Mutmaßlich handelt es sich um Zeichen, die einen Schutz des Trägers bewirken sollen. Bei modernen Tattoos spielte erst einmal die Gruppenzugehörigkeit eine Rolle, so waren es oft gesellschaftliche Randgruppen wie Kriminelle oder aber Seeleute, die tätowiert waren. Das Tattoo war mit gesellschaftlichem Stigma verbunden, heute ist es im Westen als Körperschmuck gesellschaftlich akzeptiert. Anders in Japan, wo sich zwar das Tätowieren zu einer Kunst entwickelte, Tätowierte aber stigmatisiert sind, da die Gesellschaft Tattoos mit der Yakuza verbindet. Alex (Horikitsune) Reinke (Holy Fox Tattoos, London) arbeitet als Tattookünstler nach japanischer Tradition. Seine Fotografien und Bücher erzählen die Geschichten hinter den Zeichen und gehen der Frage nach den unterschiedlichen Funktionen der Farbe auf dem Körper nach. Die Wurzeln der Motivik japanischer Tätowierungen werden durch zahlreiche traditionelle japanische Kunstgegenstände veranschaulicht.

Infos:
www.klingspormuseum.de