
Das Leuchten der Moderne – „Yellow. Beyond Van Gogh’s Favourite Colour“ im Van Gogh Museum
Gelb als Verheißung und Abgrund – „Van Gogh and the Meaning of Yellow“ im Amsterdamer Van Gogh Museum
Farben sind in der Kunstgeschichte selten bloße Oberflächenphänomene. Sie sind Bedeutungsträger, Stimmungswerte, metaphysische Versprechen. Kaum ein Künstler ist so nachhaltig mit einer bestimmten Farbe identifiziert worden wie Vincent van Gogh mit dem Gelb. Sonnenblumen, Weizenfelder, das „Gelbe Haus“ in Arles – diese Motive haben sich tief ins kollektive Bildgedächtnis eingeschrieben. Die Ausstellung „Yellow. Beyond Van Gogh’s Color“ im Van Gogh Museum in Amsterdam unternimmt nun den ebenso naheliegenden wie ambitionierten Versuch, dieses Gelb aus der biographischen Engführung zu lösen und als kulturelles, ästhetisches und sinnliches Phänomen neu zu befragen.
Van Goghs Gelb – Aufbruch im Süden
Im Zentrum steht zunächst jene produktive Phase in Arles 1888/89, in der Van Gogh zu einer bis dahin ungekannten Intensität fand. Nach den dunklen, erdigen Anfängen in den Niederlanden und Belgien, etwa in den „Kartoffelessern“, öffnete sich seine Palette unter dem Einfluss der Pariser Avantgarde – Signac, Gauguin, Toulouse-Lautrec – zunehmend lichteren, leuchtenden Tönen. In der südfranzösischen Sonne schließlich wurde Gelb zum dominierenden Ausdrucksmittel.
Die berühmten „Sonnenblumen“ von 1889 bilden folgerichtig einen Ausgangspunkt der Ausstellung. Hier ist Gelb nicht bloß Farbe, sondern Substanz: pastos aufgetragen, in Nuancen von Ocker bis Zitronenton moduliert, steigert es die Bildfläche zu einer vibrierenden Einheit. Auch Werke wie „Das Gelbe Haus“ oder die südlichen Landschaften mit ihren reifen Getreidefeldern zeugen von einem existentiellen Zugriff auf das Licht. Gelb erscheint als Trostfarbe, als Zeichen von Hoffnung, ja als malerisches Äquivalent einer inneren Erneuerung.
Zugleich relativiert die Schau die verbreitete Vorstellung eines isolierten „Gelb-Zeitalters“. Van Gogh verwendete Gelb nicht statistisch häufiger als andere Farben; entscheidend war vielmehr seine expressive Funktion im Zusammenspiel mit Komplementären wie Blau oder Violett. Eine kleine, unscheinbare Lackschachtel mit Wollfäden, die der Künstler zur Erprobung von Farbkombinationen nutzte, veranschaulicht diese reflektierte, beinahe experimentelle Herangehensweise. Hier zeigt sich ein analytischer Geist, der weit entfernt ist vom Klischee des rein intuitiven Genies.

Gelb als Moderne, Dekadenz und Klang
Kuratorisch öffnet sich die Ausstellung weit über Van Gogh hinaus. Ann Blokland und Edwin Becker verstehen Gelb als kulturgeschichtliches Prisma des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. In der Fin-de-Siècle-Kunst war Farbe nicht nur Mittel, sondern Thema. Künstler wie Wassily Kandinsky oder Hilma af Klint schrieben einzelnen Tönen spirituelle Resonanzen zu. Kandinsky sprach vom Gelb als Klang einer „gellenden Trompete“ – eine synästhetische Metapher, die in der Ausstellung durch Filmmaterial seiner Bühnenkomposition „Der gelbe Klang“ aus dem Jahr 1974 nachvollziehbar wird.
Die Präsentation geht noch weiter: Musikstudenten eines Amsterdamer Konservatoriums haben neue Klangstücke zum Thema Gelb entwickelt; Duftstationen mit Noten von Vanille, Bergamotte und Patchouli übersetzen die Farbe ins Olfaktorische. Diese sinnliche Erweiterung mag manchen Puristen irritieren, doch sie verweist auf die genuine Vieldeutigkeit des Gelbs – zwischen Wärme, Süße, Exotik und Überreiztheit.
Eine aufschlussreiche kulturhistorische Volte bietet der Blick auf das „Yellow Book“, eine britische Zeitschrift der 1890er Jahre, die für literarische Provokationen und weibliche Autorschaft stand. Gelbe Buchumschläge signalisierten Modernität und moralische Grenzüberschreitung. Van Goghs Stillleben „Piles of French Novels“ von 1887 erhält vor diesem Hintergrund eine neue Lesart: Die gelben Einbände verweisen auf populäre, bisweilen anrüchige Pariser Literatur. Gelb ist hier nicht nur Licht, sondern auch Reiz, Modefarbe und Chiffre des Dekadenten – ein Aspekt, der die Epoche der „Yellow Nineties“ charakterisierte.
Olafur Eliasson – Licht als Labor
Den wohl kühnsten Schritt wagt die Ausstellung mit der Einbindung zweier großformatiger Installationen von Olafur Eliasson. Dem dänisch-isländischen Künstler wurde eine eigene Etage überlassen. Seine Arbeit „Color Experiment No. 78“ (2015), bestehend aus 72 monochromen Kreisscheiben, entfaltet unter gelbem Licht eine irritierende Dynamik: Farben verschieben sich, Wahrnehmung wird relativ. In „Who Is Afraid Yellow Flower Ball“ (2006) erzeugt fluoreszierendes Licht eine fast körperlich erfahrbare Präsenz des Gelbs.
Diese zeitgenössischen Positionen sind mehr als dekorative Kontrapunkte. Sie knüpfen an Van Goghs „mathematisches“ Interesse an Farbbeziehungen an und führen es mit den Mitteln moderner Lichttechnologie fort. Farbe erscheint hier als variables Ereignis, als Resultat von Kontext und Beleuchtung – ein Gedanke, der Van Goghs Experimentierfreude in überraschender Aktualität erscheinen lässt.
Das Museum als Resonanzraum
Das Van Gogh Museum, 1973 eröffnet und in einem sachlich-modernen Bau von Gerrit Rietveld sowie einem späteren Flügel von Kisho Kurokawa untergebracht, verfügt über die weltweit größte Sammlung von Werken des Künstlers. Seine klare Architektur mit großzügigen, lichtdurchfluteten Räumen erweist sich als idealer Resonanzraum für eine Ausstellung, die Licht und Farbe ins Zentrum rückt. Die kuratorische Dramaturgie setzt weniger auf chronologische Strenge als auf thematische Verdichtung und atmosphärische Übergänge.
Praktische Hinweise

„Yellow. Beyond Van Gogh’s Color“ ist noch bis zum 17. Mai 2026 im Van Gogh Museum, Museumplein 6, 1071 DJ Amsterdam, zu sehen. Das Museum ist täglich geöffnet, in der Regel von 9 bis 18 Uhr, mit verlängerten Öffnungszeiten an ausgewählten Tagen. Der Eintritt ist zeitgebunden und sollte vorab online gebucht werden. Audioguides und umfangreiche Begleitmaterialien stehen zur Verfügung. Das Museum liegt zentral am Museumplein und ist vom Amsterdamer Hauptbahnhof mit Straßenbahn oder Fahrrad gut erreichbar.
Fazit
Die Ausstellung überzeugt durch ihre intellektuelle Weite und ihren Mut zur sinnlichen Erfahrung. Sie befreit Van Goghs Gelb aus der biographischen Verengung auf das sonnige Arles und zeigt es als schillerndes Signum einer Epoche zwischen Spiritualität, Moderne und Dekadenz. Nicht jede multisensorische Station erreicht die gleiche Tiefe, doch insgesamt gelingt eine vielschichtige Annäherung an eine Farbe, die in Van Goghs Werk zum Symbol des Lichts wurde – und zugleich dessen Zerbrechlichkeit erahnen lässt.



