
Kultur per Telefon: Barrierefreiheit neu gedacht – Das Projekt „Bei Anruf Kultur“
Im Zeitalter digitaler Transformation und globaler Vernetzung ist der Zugang zu Kulturangeboten so breitgefächert wie nie zuvor. Doch für viele Menschen bleibt der Besuch von Museen, Galerien oder Gedenkstätten aufgrund von körperlichen Einschränkungen, Mobilitätsproblemen oder finanziellen Hürden eine Herausforderung. Genau hier setzt das innovative Projekt „Bei Anruf Kultur“ an, das seit 2021 eine Brücke schlägt zwischen kulturellen Inhalten und all jenen, die sie nicht vor Ort erleben können. Was zunächst als Reaktion auf die Einschränkungen der Corona-Pandemie begann, hat sich mittlerweile zu einem bundesweit gefragten und wegweisenden Angebot entwickelt.
Die Idee: Kultur am Telefon erlebbar machen
Das Grundkonzept von „Bei Anruf Kultur“ ist ebenso einfach wie wirkungsvoll: Telefonische Führungen bringen Kulturinhalte direkt zu den Menschen nach Hause. In einer einstündigen Sitzung beschreiben professionell geschulte Kulturvermittler die Räumlichkeiten, Sammlungen und Exponate der teilnehmenden Einrichtungen. Eine Moderatorin oder ein Moderator führt durch die Sitzung und öffnet den Teilnehmenden nach der ersten halben Stunde die Möglichkeit, Fragen zu stellen und in den Dialog zu treten. Dabei ist der Prozess technisch unkompliziert – keine Apps, keine Geräte, keine Barrieren. Der Zugang erfolgt über ein einfaches Telefonat.
Dieses Angebot richtet sich insbesondere an blinde oder sehbehinderte Menschen, Personen mit eingeschränkter Mobilität oder solche, die kulturelle Einrichtungen aus anderen Gründen nicht besuchen können. Gleichzeitig ist es eine Einladung an alle, die sich in Gruppenveranstaltungen unwohl fühlen oder sich den Eintritt in Museen schlicht nicht leisten können. Die Führungen sind dank Förderungen kostenlos – ein entscheidender Faktor, der die Teilhabe für viele Menschen ermöglicht.
Ein wachsendes Netzwerk kultureller Vielfalt
Mit über 130 teilnehmenden Institutionen bietet „Bei Anruf Kultur“ einen beeindruckenden Querschnitt durch die deutsche Kulturlandschaft. Zu den Partnern zählen renommierte Häuser wie die Neue Nationalgalerie in Berlin, die Staatsgalerie Stuttgart, das Museum Barberini in Potsdam oder das Europäische Hansemuseum Lübeck. Diese Vielfalt spiegelt nicht nur die Bandbreite kultureller Themen wider, sondern auch die Bereitschaft der Institutionen, ihre Programme inklusiver zu gestalten.
Besonders hervorzuheben ist die dezidierte Schulung der Guides in Audiodeskription, die durch das Prinzip des „Learning by Doing“ erfolgt. Diese Form der Beschreibungskunst, bei der visuelle Inhalte für blinde oder sehbehinderte Menschen in Worte gefasst werden, ist ein zentraler Bestandteil des Projekts. Sie erfordert nicht nur sprachliche Präzision, sondern auch Empathie und das Gespür dafür, wie sich das Erleben von Kunst über die Vorstellungskraft entfalten kann.
Kuratorisches Konzept neu definiert
Während klassische Ausstellungen auf visuelle Narrationen und räumliche Inszenierungen setzen, bietet „Bei Anruf Kultur“ ein neues kuratorisches Modell. Die Kunstvermittlung wird durch die Stimme getragen, die als Medium fungiert, um Bilder im Kopf der Zuhörer entstehen zu lassen. Dies stellt nicht nur eine Herausforderung für die Guides dar, sondern auch eine Chance, Kultur von einer anderen Seite zu betrachten. Die Führungen erwecken die Exponate in einer Weise zum Leben, die weit über das Visuelle hinausgeht, und eröffnen einen Raum für Fantasie und Reflexion.
Barrierefreie Kultur als Zukunftsmodell
Das Projekt ist nicht nur ein Meilenstein in der barrierefreien Kulturvermittlung, sondern auch ein Modell für die Zukunft. In einer Zeit, in der Inklusion und Teilhabe immer stärker in den Fokus rücken, zeigt „Bei Anruf Kultur“, wie innovative Lösungen einen echten Unterschied machen können. Es ist eine Erinnerung daran, dass Kultur kein Luxus für wenige, sondern ein Grundrecht für alle sein sollte.
Organisatorischer Rahmen und Perspektiven
Initiiert wurde das Projekt vom Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg e.V. (BSVH) in Zusammenarbeit mit grauwert, einem Büro für Inklusion und demografiefeste Lösungen. Die Förderung durch Aktion Mensch und die Behörde für Kultur und Medien Hamburg bildet die finanzielle Grundlage, doch für eine nachhaltige Weiterentwicklung ist das Projekt auf Spenden angewiesen. Mit Blick auf die steigende Nachfrage und die wachsende Zahl teilnehmender Institutionen bleibt zu hoffen, dass „Bei Anruf Kultur“ langfristig Bestand haben wird.
Fazit
„Bei Anruf Kultur“ ist weit mehr als eine Notlösung aus Pandemiezeiten – es ist ein Paradebeispiel dafür, wie Kulturvermittlung innovativ, inklusiv und nachhaltig gedacht werden kann. Der Erfolg des Projekts zeigt, dass Barrierefreiheit nicht zwingend aufwändige technische Lösungen erfordert, sondern vor allem den Willen, neue Wege zu gehen. Damit setzt „Bei Anruf Kultur“ nicht nur einen neuen Standard für die Inklusion, sondern bereichert die deutsche Kulturlandschaft um eine Dimension, die lange überfällig war.
Weitere Informationen über das Projekt und die Möglichkeit zur Teilnahme finden sich auf www.beianrufkultur.de.
Bildnachweis:
Nano Banana: „Erstelle fotorealistisches Bild von einer älteren Person mit einem alten Telefonhörer in der Hand. Die Person sieht ein Gemälde an.“



