Station: [104] Christoph Siebe: Kaiser-Wilhelm-Denkmal


Kaiser Wilhelm:

Sei gegrüßt, kleiner Untertan!

Ich bin es, der zu dir spricht, dein Kaiser. Wilhelm der Erste. Ich stehe hier auf einem hohen Sockel und strecke meinem Volk freundlich die Hand entgegen… nun gut, die Finger sind im Laufe der Jahre abgebrochen, aber was sage ich immer?: Die Geste zählt!

Und so ist es auch. Jeder, der an meinem Denkmal vorbeigeht, erkennt meine wohlwollende Haltung, die freundliche Zugewandtheit zu meinem Volk und meinen Abermillionen von Untertanen.

Was sagst du? Keine Untertanen? Staatsbürger?!? Kein Kaiser mehr?

Ein Bundesprä-si-dent an meiner Stelle an der Spitze des Staates? Wo kommen wir denn da hin!

Bun-des-kanz-ler?!? Wohl gar eine Bundeskanzlerin? Das wäre ja… das wäre ja… als würde mein getreuer Reichskanzler Bismarck... mich… nun, vergessen wir diese verwegenen Gedankenspiele. Tss tss tss, der Kanzler als mächtigste Person im Land, dass ich nicht lache, also wirklich.

Wo waren wir stehengeblieben? Ja, richtig. Bei meiner freundlich-gnädliglichen Geste… und meinem Sockel. Auf dem stehen die Namen aller Kriegstoten der Stadt Wiedenbrück.

Wie bitte? Erster… Weltkrieg? Zweiter… Welt… Nein, das sagt mir gar nichts. Ich spreche von den Einigungskriegen drei unerfreuliche militärische Auseinandersetzungen, die leider Gottes notwendig waren, um die Frage der deutschen Einigung zu klären.

Nein, nicht „Wiedervereinigung“, was soll denn das bitte sein? Mauerfall, Wiedervereinigung… nie gehört! Ich sagte „Einigung“, also die Zusammenfassung der deutschen Kleinstaaterei unter dem schützenden Dach des Deutschen Reichs. 1871. Spiegelsaal von Versailles, du verstehst?

Der Weg zu diesem erhebenden und politisch überfälligen Ereignis war steinig und hat viele Menschenleben gekostet. Ihrer soll auf diesem Sockel gedacht werden. Und ich, der treusorgende Monarch und gute Vater, wache über das Wohl und Weh meiner lieben Untertanen… in Wiedenbrück und überall in meinem Deutschen Reich.

Ähm… wie belieben?... Bun-des-re-pu-blik? Ich glaube, ich verstehe gar nichts mehr! Was sind das für neue, verrückte Zeiten? Ich werde mich ein wenig ausruhen… und vielleicht auch das eine oder andere Geschichtsbuch lesen, um mich auf den neuesten Stand zu bringen… Untertanen und Untertaninnen, die Audienz ist beendet!

 

Alle Abbildungen : Torsten Nienaber, © Wiedenbrücker Schule Museum