Station: [05] Aus Lieti wird Lette: Spuren aus Jahrhunderten
Langfristig gesehen haben sich die Menschen schon immer über den Globus bewegt und sie tun es bis heute aus unterschiedlichsten Gründen. Wo sie sind, hinterlassen sie meist Spuren, und diese kann man oft noch nach langer Zeit finden.
Ein paar Hundert Jahre seit unserer Zeitrechnung – also dem Jahr Null oder Christi Geburt – lebten die Menschen hier in ethnischen Verbänden und noch nicht unter einer zentralen Organisation. Das waren zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert vor allem die Brukterer und dann verschiedene Ethnien der so genannten Sachsen, bevor die Franken kamen. Von einer Ethnie zur anderen gab es wohl keine gewaltsame Vertreibung. Es war eher so, dass sich die Oberschichten langsam gemischt haben und die Gesellschaften über viele Generationen zusammengewachsen sind. So entstand die Region Westfalen – so nannten die Franken die Sachsen.
Erst gab es einzelne verstreute Hofstellen. Nach und nach wurden es mehr und sie lagen dichter beieinander, also in Drubbeln und kleinen Dörfern. Manche Flächen gehörten niemandem und mehrere Bauern haben sie zusammen bearbeitet.
Wovon leben die Menschen?
Die Böden rund um Lette sind zum Einen sandig und lehmig, zum anderen gibt es Moore und Sümpfe. Immer mehr Boden wurde über die Jahrhunderte urbar gemacht, also gedüngt oder trocken gelegt. Teilweise haben die Bauern Plaggen von fruchtbarem Boden abgestochen und auf kargere Böden aufgebracht. So sind Erhebungen entstanden, die man manchmal heute noch sehen kann, wie im Großen Esch.
In der Letter Gegend sind unter anderem Getreide und Flachs und später Kartoffeln gut gewachsen. Ackerbau, Viehzucht und die Textilwirtschaft sind die wichtigsten Wirtschaftszweige.
Wem gehört das Land?
Das Land gehörte über Jahrhunderte der Kirche und dem Adel. Sie waren Lehnsherren, also die Besitzer von Land und Höfen. Sie bekamen von den Bauern Abgaben und mussten ihnen dafür Schutz gewähren.
Das Haus Lette
Die Herren von Lette: Man kennt sie aus einer Urkunde aus dem Jahr 1175. Die Familie gehörte zum niederen Ritteradel und führte das Wappen mit dem Gittermuster.
Die Herren von Lette hatten weltliche und geistliche Ämter und übten so große Kontrolle aus. Sie besaßen Wald, Ackerland und Höfe – das heißt, die leibeigenen Bauern gehörten ihnen und konnten verkauft werden. Das war durch das System der Ständegesellschaft möglich.
Der Sitz der Familie war das Haus Lette. 1392 verkauften die von Lettes das Haus an ihre Verwandten von Merfeldt aus der Nachbarschaft; wahrscheinlich aus Geldnot, denn sie pflegten einen teuren Lebensstil. Ein paar Jahre später waren sie bankrott.
Das Haus Lette war eine Wasserburg und muss zeitweilig eine prächtige Anlage gewesen sein, wie auf der Zeichnung zu sehen ist.
Knapp 350 Jahre nach dem Verkauf an die von Merfeldts sollte es nach dem Geschmack der Zeit um 1725 noch aufwändiger umgebaut werden. Aber dazu kam es aber nicht. Es gab Erbschaften, Teilungen, Verkäufe, Verpfändungen, und einen Prozess über fast 70 Jahre. Dabei ist das Haus verfallen.
Die Reste sind abgebrochen worden, die Bahnlinie Dortmund -Gronau wurde durch das Gelände gelegt und 1968 hat man die Kardinal-von-Galen-Grundschule daneben gebaut.
Geblieben sind die alten Pläne vom Haus, ein Haufen Scherben aus der Gräfte und von den Herren von Lette das Wappen mit dem Gittermuster. Ursprünglich war Haus Lette wahrscheinlich aus einem Amtshof der Kirche hervorgegangen. Hier gab es wohl auch eine Kapelle, vielleicht die erste in Lette.
Und wie hat es hier mit der christlichen Religion überhaupt begonnen?
Die frühe Missionierung und Glocken in Dülmen
Seit wann ist diese Region christlich? Die Sachsen hatten vor der Missionierung ihre eigene Religion. Aber sie nahmen das Christentum an, und zwar wohl früher, als man bisher glaubte. Denn: In Dülmen wurde eine Glockengussgrube gefunden, direkt neben der heutigen Pfarrkirche. Das hat die Fachwelt in größtes Erstaunen versetzt.
Die Grube ist spätestens aus der Zeit um 775, vielleicht schon aus dem Jahr 665. Kann das sein? Die Archäologen konnten es erst selbst nicht glauben und haben mehrmals Proben datiert. Es blieb dabei: Spätestens 775. Aber war der Missionar Liudger nicht erst seit 792 in Westfalen, also erst 17 Jahre später?
Aber es wird noch besser: Die Grube war für drei Glocken. Und die Glocken waren groß: bis zu 90 cm Durchmesser. Das ist dreimal größer als die älteste bisher bekannte Kirchenglocke: Die Canino-Glocke aus Viterbo in Italien. Ihr Durchmesser ist nur 35 cm. Zwar gibt es andere relativ frühe Glocken, jedoch keine so großen. So große Glocken brauchen einen richtigen Kirchturm. Und solche Glocken werden dort gegossen, wo sie gebraucht werden – die Gießer sind Spezialhandwerker und ziehen mit ihrer Werkstatt und ihrem Wissen umher. Wo Kirchenglocken dieser Größe hergestellt wurden, hat also eine Kirche gestanden.
Es ist also sehr wahrscheinlich, dass in Dülmen eine Kirche mit einem Dreier-Geläut stand. So große Glocken, und gleich drei, und so früh?
Das bedeutet Erstaunliches: nämlich, dass früher als angenommen hier eine christliche Gemeinschaft existiert hat – möglicherweise in friedlichem Nebeneinander von verschiedenen Kulturen.
Das ist ein Fall für weitere Forschung, und so wird die Geschichte immer wieder neu geschrieben.
Und was weiß man über die Anfänge von Lette?
Die erste Erwähnung: Lieti
Der fränkische König Karl der Große hat in den so genannten Sachsenkriegen auch Westfalen erobert. Er richtete Verwaltungsstrukturen ein und ließ Klöster gründen, unter anderen das Kloster Werden an der Ruhr.
Es ist ein Verzeichnis vom Besitz dieses Klosters aus dem Jahr 890 erhalten, das Werdener Urbar. Darin wird ein Ort mit dem Namen Lieti genannt. Das ist das heutige Lette. Es gehörte also dem Kloster Werden. Drei Bauern mussten regelmäßig Abgaben an das Kloster leisten, zum Beispiel Gerste, Weizen, Hafer, Vieh und Geld.
Es war eine sehr bewegte Zeit. Und davon erzählt auch eine geheimnisvolle Burg: Die Jansburg.
Die Jansburg
Im Mittelalter um 800 entstanden überall Orte und Pfarreien, und dazwischen ein dichtes Wegenetz. Vor allem die Kreuzungspunkte von Wegen und die Grenzen von Territorien sollten kontrolliert und gesichert werden. An einigen Stellen wurde auch Zoll erhoben.
So eine Funktion könnte die Jansburg vor rund eintausend Jahren gehabt haben: Sie steht an einer Handelsroute zwischen Borken, Dülmen und Coesfeld. Wem die Burg gehörte, weiß man nicht.
Heute sieht man im Gelände nur noch Dickicht auf ein paar Bodenwellen, umgeben von Ackerland.
Die Archäologen haben den Grundriss rekonstruiert. Der zeigt einen Burgring mit rund einhundert Metern Durchmesser. Man kann gut erkennen, dass die Anlage einmal aus mehreren Erdwällen und Gräben bestand. Die Wälle waren wohl bis zu acht Meter breit und zwei Meter hoch, die Gräben bis zu zwei Meter tief.
Im digitalen Geländemodell siehst Du das heutige Bodenrelief eingefärbt. Was von der Burganlage heute nicht mehr da ist, ist durch natürliche Erosion oder durch die Bodenbearbeitung verschwunden.
Der Name „Jansburg“ stammt vermutlich aus dem 19. Jahrhundert. Er geht wohl auf den frommen Johannes von Merveldt zurück, genannt Jan. Der Legende nach soll er sich als Einsiedler hierhin zurückgezogen haben. Nur sonntags sei er zur Kirche nach Lette gepilgert, begleitet von zwei weißen Wölfen. Aber welche Kirche? Guck Dich mal in der Nische neben dem Lift um.

