Station: [07] Glauben, Wissen, Forschen
Glocken aus den Jahre 1950 und 1953
Diese Glocke ist von 1953. Und sie ist nicht die Glocke, die man vermutet hat. Und das war so:
Die alten Heimatvertriebenen kamen von 1946 bis 1960 in Lette im so genannten Barackenlager unter, einer ehemaligen SA-Sportschule aus der NS-Zeit. Als Altenheim nannte man es Heidehof.
Für die Vertriebenen war es wichtig, ihre Religion ausüben zu können. Der Weg zur Kirche in Lette war aber zu weit. Also wurde 1950 mit Erlaubnis des Bischofs von einer Baracke ein Raum abgetrennt und als kleine Kapelle eingerichtet. Hier wurden im Wechsel evangelische und katholische Gottesdienste gefeiert.
Vor den Giebel der Baracke baute man einen Glockenstuhl. Die Gießerei Petit und Edelbrock aus Gescher goss eigens eine Glocke für diese Kapelle, und ihre Weihe war ein bedeutendes Fest für die Heimbewohner. Die Lokalzeitung berichtete. Das Altenheim wurde 1960 aufgelöst und verkauft. Dafür wird alles akribisch aufgelistet, auch aus der Kapelle. Aber die Glocke ist verschwunden. Einfach weg.
Sie ist bis heute verschollen. Wo kann sie sein? Zumindest offiziell weiß es niemand.
Aber dann taucht unverhofft eine andere Glocke auf: die siehst Du hier. Sie ist aus dem Jahr 1953 und wurde für das neue evangelische Gemeindehaus in Coesfeld gegossen, auch von der Gießerei aus Gescher. Sie wiegt circa 140 Kilo und war zu schwer für den Glockenstuhl. Sie musste also wieder abgenommen werden. Offenbar wurde sie irgendwo eingelagert, man hatte keinen anderen Platz für sie.
Ein Zeitzeuge hat einmal erzählt, dass er eine Glocke aus dem Barackenlager zur neuen evangelischen Magdalenen-Kirche in Lette gebracht habe, und zwar 1960, als die Kirche gebaut wurde. Es habe einen „Austausch“ gegeben, heißt es. Doch die Magdalenen-Kirche bekam erst 1963 eine eigene Glocke, vorher hatte sie eine Leih-Glocke. War es diese von 1953? Man weiß es nicht.
Jedenfalls hat der Glocken-Sachverständige diese Glocke hier im Turm aufgefunden und begutachtet. Die Kirche wurde im Jahr 2014 aufgegeben. Die Glocke kam wieder ins evangelische Gemeindehaus.
Seit ihrem ersten Einsatz 1953 hat sie wohl niemals mehr geläutet. Doch für die Entwicklung der evangelischen Gemeinde ist sie von großer Bedeutung.
Und das ist nicht der einzige kuriose Fall für die Heimatforschung in Lette. Der Christus-Korpus gegenüber ist geradezu legendär.
Der Christus Corpus vom Missionskreuz
Dieser Christus Corpus stammt vom Missionskreuz an der ersten Kirche in Lette. Eine bewegende Geschichte rankt sich darum: Es heißt, ein frommer Bauer habe ihn im Zweiten Weltkrieg vor den Nationalsozialisten schützen wollen. Er nahm den Christus mit auf seinen Hof. Vergrub ihn. Und rettete ihn so vor der Zerstörung.
Doch die Wahrheit ist schlichter:
Der verwitterte Corpus wird eines Tages aus der Kirche ausrangiert, auf dem Dachboden der neuen Pfarrkirche eingelagert, vergessen und erst 1991 wiederentdeckt. Die Kirche hat keine Verwendung für ihn. Aber Willi Vennebörger – er lebte von 1930 bis 2025 – Mitglied des Pfarrgemeinderats, repariert den Corpus notdürftig, malt auf seinem Hof ein Kreuz an eine Stallwand, hängt ihn dort auf und schmückt jedes Jahr mit geweihtem Buchsbaum – 35 Jahre lang.
Nach Willi Vennebörgers Tod 2025 gibt die Familie den Corpus zur Bewahrung an den Heimatverein. Hier wird er liebevoll Vennebörger Christus genannt.
Er ist ein Zeugnis der Frömmigkeit. Diese zeigt sich nicht nur am früheren Missionskreuz, sondern auch an Bildstöcken, Wegekreuzen, kleinen Landkapellen und in Ritualen wie der früheren Volksmission oder der festlichen Fronleichnams-Prozession.
Am Anfang einer Recherche kann also auch eine persönliche Geschichte stehen. Solche Geschichten machen die historische Forschung lebendig: Sie können zeigen, wo sich die große Politik im Kleinen auswirkt – so, wie im Leben von Heinrich Brinkschulte vom Letter Berg. Und das ist das nächste Kapitel.

