Deutsche Bank "Artist of the Year" Ganz selbstverständlich nutzen wir Google Maps, besuchen Dating-Plattformen oder speichern unsere Bilder in einer Cloud: Der Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter hat unsere persönlichen, ökonomischen und politischen Beziehungen radikal verändert. Der globale Datenfluss prägt nicht nur unsere unmittelbare physische Umgebung, sondern ganze Gesellschaftssysteme. Dennoch bleibt die Zirkulation und Verarbeitung dieser Daten für uns immateriell und abstrakt, nicht verknüpfbar mit unserer eigenen Lebenswirklichkeit. Als „Künstlerin des Jahres“ der Deutschen Bank zeigt Caline Aoun in reduzierten Versuchsanordnungen, wie sich Daten materiell manifestieren, wie untrennbar reale und virtuelle Welt tatsächlich miteinander verbunden sind. Für Aoun gleicht die permanente Bilder- und Datenflut einem „Lärm“, der unser gesamtes Leben dominiert. Anstatt diesen medialen Lärm weiter zu verstärken, konzentriert sie ihn und gibt ihm eine materielle Dimension. Dies bezeichnet sie als einen Weg, „neue Erfahrungen, Formen von Stille, Leerstellen“ zu erzeugen, eine ästhetische Umgebung zu schaffen, die es ermöglicht, sonst kaum greifbare Zusammenhänge sinnlich zu erfassen und zu überdenken. 1983 in Beirut geboren, zählt Aoun zu einer Generation junger libanesischer Künstlerinnen und Künstler, die nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs 1975 im Ausland ihre Ausbildung absolvieren und heute die Kunstszene im Nahen Osten entscheidend mitprägen. Obwohl Aoun sich mit Phänomenen der Digitalisierung und des Internets beschäftigt, nutzt sie keine Hochleistungsrechner, Smartphones oder VR-Brillen. Sie arbeitet häufig mit einfachen Inkjet-Druckern, die sie nutzt, bis das System kollabiert und „unfreiwillig“ zunehmend immer reduziertere Bilder hervorbringt. So entstand auch die Wandarbeit Contemplating Dispersions aus farbig bedruckten DIN-A3+-Blättern. Eine fast teerschwarze Fläche splittert sich immer mehr in rot-violett schimmernde Farbfelder auf. Das Ornament zersetzt sich dann in schmaler werdende Balken aus Hellblau, Türkis und Gelb. Doch während der Drucker versucht, den Auftrag schwarz bedruckte Seiten zu produzieren, zu erfüllen, leert sich die Patrone nach und nach.  Schließlich bedient sich das erschöpfte Gerät aller verfügbaren Farbreste, und es bleibt nur noch Weiß, übersät mit Schlieren und Spuren der leeren Druckerköpfe. Aouns Arbeiten bilden nicht ab, sondern sind selbst das „handfeste“ Ergebnis eines vermeintlich  „unsichtbaren“ Prozesses, den uns die Künstlerin ganz unmittelbar vor Augen führt. Der Ausstellungstitel seeing is believing ist also ganz wörtlich gemeint. Das zeigen auch die vier reduzierten Brunnen von Infinite Energy, Finite Time, der zentralen Installation der Ausstellung. Aus jedem sprudelt eine Farbe, die im CMYK-Farbmodell eingesetzt wird: Cyan, Magenta, Yellow und Schwarz. Die Brunnen sind durch ein System durchsichtiger Schläuche miteinander verbunden und tauschen sich in kaum wahrnehmbarem Tempo aus. Zu Beginn der Ausstellung sprudeln noch reine Farben aus den Düsen, im Laufe der Zeit zerfließen sie aber zu einer trüben Brühe, die gerinnt, die Düsen verklebt und schließlich ganz eintrocknet und den Kreislauf unterbricht. Hier geht es um extremen Mangel und exzessiven Überfluss, Zirkulation und Anstauung. „Meine Werke mögen ziemlich abstrakt sein“, sagt Aoun, „doch zugleich ähneln sie etwas sehr Realem.“ Ihre Ausstellung erzählt vom Zusammenbruch, von der Überforderung von Systemen. Sie hat dabei eine klare Botschaft: dass der Lärm aufhören muss, dass wir Raum für Kontemplation brauchen, um neue Systeme und zu uns selbst zu finden. Foto: Luis Do Rosario © Caline Aoun
15. Nov 2019 - 00:00
Unter den Linden 5
Berlin
10117
Germany

Current event for "PalaisPopulaire"

Caline Aoun: seeing is believing

15. Nov 2019 - 00:00 – 02. Mar 2020 - 00:00
PalaisPopulaire

Deutsche Bank "Artist of the Year"

Ganz selbstverständlich nutzen wir Google Maps, besuchen Dating-Plattformen oder speichern unsere Bilder in einer Cloud: Der Übergang vom analogen zum digitalen Zeitalter hat unsere persönlichen, ökonomischen und politischen Beziehungen radikal verändert. Der globale Datenfluss prägt nicht nur unsere unmittelbare physische Umgebung, sondern ganze Gesellschaftssysteme. Dennoch bleibt die Zirkulation und Verarbeitung dieser Daten für uns immateriell und abstrakt, nicht verknüpfbar mit unserer eigenen Lebenswirklichkeit.

Als „Künstlerin des Jahres“ der Deutschen Bank zeigt Caline Aoun in reduzierten Versuchsanordnungen, wie sich Daten materiell manifestieren, wie untrennbar reale und virtuelle Welt tatsächlich miteinander verbunden sind. Für Aoun gleicht die permanente Bilder- und Datenflut einem „Lärm“, der unser gesamtes Leben dominiert. Anstatt diesen medialen Lärm weiter zu verstärken, konzentriert sie ihn und gibt ihm eine materielle Dimension. Dies bezeichnet sie als einen Weg, „neue Erfahrungen, Formen von Stille, Leerstellen“ zu erzeugen, eine ästhetische Umgebung zu schaffen, die es ermöglicht, sonst kaum greifbare Zusammenhänge sinnlich zu erfassen und zu überdenken.

1983 in Beirut geboren, zählt Aoun zu einer Generation junger libanesischer Künstlerinnen und Künstler, die nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs 1975 im Ausland ihre Ausbildung absolvieren und heute die Kunstszene im Nahen Osten entscheidend mitprägen. Obwohl Aoun sich mit Phänomenen der Digitalisierung und des Internets beschäftigt, nutzt sie keine Hochleistungsrechner, Smartphones oder VR-Brillen. Sie arbeitet häufig mit einfachen Inkjet-Druckern, die sie nutzt, bis das System kollabiert und „unfreiwillig“ zunehmend immer reduziertere Bilder hervorbringt.

So entstand auch die Wandarbeit Contemplating Dispersions aus farbig bedruckten DIN-A3+-Blättern. Eine fast teerschwarze Fläche splittert sich immer mehr in rot-violett schimmernde Farbfelder auf. Das Ornament zersetzt sich dann in schmaler werdende Balken aus Hellblau, Türkis und Gelb. Doch während der Drucker versucht, den Auftrag schwarz bedruckte Seiten zu produzieren, zu erfüllen, leert sich die Patrone nach und nach.  Schließlich bedient sich das erschöpfte Gerät aller verfügbaren Farbreste, und es bleibt nur noch Weiß, übersät mit Schlieren und Spuren der leeren Druckerköpfe. Aouns Arbeiten bilden nicht ab, sondern sind selbst das „handfeste“ Ergebnis eines vermeintlich  „unsichtbaren“ Prozesses, den uns die Künstlerin ganz unmittelbar vor Augen führt. Der Ausstellungstitel seeing is believing ist also ganz wörtlich gemeint.

Das zeigen auch die vier reduzierten Brunnen von Infinite Energy, Finite Time, der zentralen Installation der Ausstellung. Aus jedem sprudelt eine Farbe, die im CMYK-Farbmodell eingesetzt wird: Cyan, Magenta, Yellow und Schwarz. Die Brunnen sind durch ein System durchsichtiger Schläuche miteinander verbunden und tauschen sich in kaum wahrnehmbarem Tempo aus. Zu Beginn der Ausstellung sprudeln noch reine Farben aus den Düsen, im Laufe der Zeit zerfließen sie aber zu einer trüben Brühe, die gerinnt, die Düsen verklebt und schließlich ganz eintrocknet und den Kreislauf unterbricht. Hier geht es um extremen Mangel und exzessiven Überfluss, Zirkulation und Anstauung.

„Meine Werke mögen ziemlich abstrakt sein“, sagt Aoun, „doch zugleich ähneln sie etwas sehr Realem.“ Ihre Ausstellung erzählt vom Zusammenbruch, von der Überforderung von Systemen. Sie hat dabei eine klare Botschaft: dass der Lärm aufhören muss, dass wir Raum für Kontemplation brauchen, um neue Systeme und zu uns selbst zu finden.

Foto: Luis Do Rosario © Caline Aoun

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