Station: [16] BESTICKT: Maria Josepha Hautin, Priorin der Vettersammlung in Villingen, betet und klagt um 1779
Meine Nächte sind kurz. Das kommt dem Beten und den armen Seelen zugute. Unsere Vettersammlung, einst so wohlhabend, drückt die Schuldenlast. Meine Mitschwestern, derer zehn, gönnen sich keinen Bissen zu viel. Durch die nächtlichen Sorgen will mir das Tagwerk nicht so recht gelingen. Wie gut, dass unseren jüngeren Schwestern das Arbeiten so leichtfällt. Ihre Augen sehen und die Finger fühlen noch gut, wenn sie Leinen oder Seide besticken. Das hält uns knapp am Leben. Fast willkommen war uns da der Tod des Bürgermeisters Kegel. Hat uns ja schon oft geholfen. Nun durften wir seine Gabe an das Münster fertigen und das Familienwappen darauf sticken. Was für ein unglaublich reiches Ornat! Die Brüder Boisier aus Konstanz lieferten Seide, Borten und Quasten in einem Wert, der uns wohl retten würde. Einige Familien könnten davon wohl ein Jahr leben. Aber unser Lohn war reichlich genug. Als die Lieferung kam, hatte ich eine besondere Freude, konnte mal wieder französisch parlieren. Die Boisiers kommen von Genf, ich aus Fribourg. Da staunten die Villingerinnen aus unserem Konvent.
Foto: visual artwork

