Station: [20] VISIONÄR: Wilhelm Binder jr. erfindet das erste deutsche Elektrofahrrad in den 1980er Jahren
Kaiser Wilhelm soll einmal gesagt haben, das Automobil habe keine Zukunft, er glaube an das Pferd. Daran muss ich denken, wenn ich mein Electra sehe. Klar, heute fahren viele mit elektrischer Unterstützung. Aber dieses hier war das erste kommerzielle Elektrofahrrad überhaupt. Und ob Sie's glauben oder nicht: Es ist aus Liebe entstanden. Meine Frau war begeisterte Radfahrerin – doch im Schwarzwald geht's schnell bergauf. Die Steigungen brachten sie oft an ihre Grenzen. Deshalb begann ich, ihr Fahrrad mit Batterie und Elektromotor auszustatten. Vorne saß die Batterie im Drahtkorb, unter dem Sattel die Steuerelektronik, am Lenker mein eigenes Cockpit. Entscheidend war ja die Abstimmung von Leitungsführung, Schwerpunktlage, Lastverteilung und Ansprechcharakteristik, damit die Leistungsabgabe an der Hinterradnabe nicht ruckartig erfolgt, sondern drehmomentstabil, und die Reglerauslegung am Gleichstrom-Handgriff... Oh, ich merke schon, ich schweife ab. Na, jedenfalls: Meine Frau liebte die Erfindung. 1987 schloss ich mit Hercules einen Lizenzvertrag. Der Verkauf lief eher schleppend. Aber am Ende sollte ich doch Recht behalten – im Gegensatz zu Kaiser Wilhelm. Heute sind viele Radfahrer dankbar, wenn sie am Berg den Motor einschalten können.
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