Station: [22] TONANGEBEND: Albert Kemp, Pianist, kämpft um den Weltrekord, 1920/30


Na, können Sie Klavier spielen? Das ist keine große Kunst. Aber können Sie auch fünf Tage und Nächte non-stop spielen? Ich konnte das einmal. Damals war ich der große Star unter den Dauerklavierspielern: der „Dämon-Pianist“. Das hat was, oder? Als Begleiter beim Stummfilm war ich es schon gewohnt, lange am Stück zu spielen. Aber ich wollte wissen, wo meine Grenze lag, und da hat mich der Ehrgeiz gepackt. 16 Stunden, 24 Stunden, 38 Stunden – no problem! 1920 spielte ich in England 110 Stunden lang und brach damit den Weltrekord. Freunde fütterten und rasierten mich, während ich weiterspielte. Nach 95 Stunden hatte ich jedes Gefühl für Zeit und Raum verloren. Stellen Sie sich das vor: Als ich die Rekordmarke übertraf, waren meine Finger fast doppelt so dick. Aber der Jubel – unbeschreiblich! Mit dieser Nummer ging ich auf Tournee und kam im Juli 1925 auch nach Baden. Auf dem Klavier des Uhrenfabrikanten Werner aus Villingen können Sie noch meine Signatur sehen. 1930 verlor ich den Rekord wieder an meinen alten Rivalen Albert Steele. Es sei ihm gegönnt. Ich zog mich zurück und führte ein ruhiges Leben in England. Doch wenn ich dieses Klavier sehe, spüre ich es noch heute in den Fingern!

Foto: visual artwork