Station: [14] Edvard Munch: "Der Tag danach", 1894

  • Museum Kunst der Westküste

Auf dem Rücken liegt sie im Bett, ein Bein leicht abgewinkelt, ihr rechter Arm hängt schlaff herunter. Sind ihre Augen noch geschlossen oder blickt sie dem Betrachter müde entgegen? Sicher ist: Sie muss ihren Rausch auskurieren. Der Bildausschnitt ist kühn gewählt, nur ein Teil des Tisches ist vor dem Bett zu sehen. Was darauf zu erkennen ist, spricht jedoch für sich: Flaschen und Gläser – die Überbleibsel eines nächtlichem Gelages. Der Betrachter gerät in die Rolle eines Eindringlings, eines ungebetenen Voyeurs, der der Frau empfindlich nahe kommt. Im Jahr 1892 war Munch einem größeren Publikum in Deutschland bekannt geworden. Auf Empfehlung des Malers Adelsteen Normann hatte ihn der konservative Verein der Berliner Künstler zu einer Einzelausstellung eingeladen – in Unkenntnis von Munchs Œuvre! Bereits nach einer Woche wurde die Schau aufgrund der Empörung geschlossen, doch die „Munch-Affäre“ verschaffte dem Künstler den internationalen Durchbruch. War er zuvor in die sogenannte Kristiania-Bohème um den aufrührerischen Dichter Hans Jæger eingebunden gewesen, wurde Munch nun gern gesehener Gast des intellektuellen Zirkels im Berliner Weinlokal „Zum schwarzen Ferkel“. In seiner Kaltnadelradierung mit dem Titel Der Tag danach entfernt er sich weit von den Konventionen früherer Interieur-Darstellungen: Er führt den Betrachter in eine antibürgerliche Lebenssphäre ein und verleiht einem Thema Bildwürde, das seine Zeitgenossen schockiert haben dürfte. Dafür erfüllte das Motiv der totalen Erschöpfung nach exzessivem Gelage die Kriterien von Munchs 1889 formuliertem „Manifest von St. Cloud“: „Keine Interieurs sollten mehr gemalt werden, keine Menschen, die lesen, keine Frauen, die stricken. Es müßten lebendige Menschen sein, die atmen und fühlen, leiden und lieben.“