Station: [5] Der Flügelaltar


Schauen Sie nun nach vorn zum Flügelaltar. Er ist das Juwel der Felsenkirche.

Der Altar entstand um das Jahr 1400. Damit ist er sogar älter als die Kirche selbst. Der Künstler ist in der Fachwelt als der Meister des Obersteiner Altars bekannt. Seine Werkstatt befand sich vermutlich in Mainz. Sein Werk gilt als ein großes Beispiel für die ausdrucksstarke Malerei am Oberrhein um 1400.

Fast wäre dieses Meisterwerk verloren gegangen. Lange Zeit hing es vergessen und in beklagenswertem Zustand hoch oben auf der Empore. Erst zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erkannte man seine Bedeutung. Der Altar wurde fachgerecht restauriert. 1927 zeigte man ihn in einer großen Ausstellung in Darmstadt zum ersten Mal der Kunstwelt. Seitdem hat er seinen Ehrenplatz hier vorn zurück.

Im Mittelbild sehen Sie die Kreuzigung Christi. Doch dies ist kein stilles Andachtsbild. Vor Ihnen entfaltet sich ein dichtes Gewimmel aus Dutzenden Figuren, Szenen und Details. Es wirkt fast wie ein mittelalterliches Wimmelbild.

Über Christus schweben Engel. Sie fangen das Blut aus seinen Wunden in Kelchen auf. Links vom Kreuz stützt eine Gruppe von Frauen die ohnmächtig gewordene Mutter Jesu. Daneben trocknet der Lieblingsjünger Johannes mit einem Zipfel seines Mantels die Tränen. Rechts unten würfeln zwei Männer um die Kleider Christi.

Am Fuß des Kreuzes kniet eine besonders kleine Figur. Sie trägt ein weißes Gewand. Es ist der unbekannte Stifter des Bildes. Er zeigt sich auffallend klein und demütig. Wer das Werk einst bezahlt hat, weiß man bis heute nicht.

Zwei Details lohnen besondere Aufmerksamkeit. Das erste sind die Spruchbänder. Das Mittelalter kannte also schon etwas wie Sprechblasen, nur elegant geschwungen. Auf einem bekennt der römische Hauptmann: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen. Ein anderes, weiter links, gehört einem Spötter aus der Menge: Wenn du Christus bist, steige herab vom Kreuz. Zwei Stimmen. Zwei Haltungen. Mitten im selben Bild.

Das zweite Detail sind die beiden Schächer links und rechts neben Jesus. Der eine verspottete ihn. Der andere bereute. Über dem guten Schächer schwebt ein Engel. Er nimmt seine Seele in Empfang, dargestellt als kleines nacktes Menschlein. Die Seele des anderen hält ein Teufelchen in seinen Klauen. Der Maler hat diese Darstellung ganz bewusst gewählt.

Auch die Seitenflügel erzählen weiter. Sie zeigen vier Szenen aus der Passionsgeschichte: Jesus vor dem Hohepriester Kaiphas, Jesus vor Herodes, die Verspottung vor Pilatus und die Annagelung ans Kreuz.

Wenn Sie später näher herantreten können, nehmen Sie sich Zeit für dieses Bild. Es gibt kaum eine Figur darin, die nicht ihre eigene kleine Geschichte erzählt.