Station: [19] E – Emailglas: Reichsadlerhumpen

  • Glasmuseum Wertheim

Sprecher

Dieser große Humpen heißt Reichsadlerhumpen. Er ist 31 Zentimeter hoch und hat ein Fassungsvermögen von fast 4 Litern. Vom 16. bis zum 18. Jahrhundert war er einer der beliebtesten Trinkgefäße. Weltliche und geistliche Würdenträger wie Kaiser, Kurfürsten und Päpste nutzten den riesigen Glaskörper, um dem Volk in bildhafter Form den Aufbau des Reiches zu erklären.

Sprecherin

Dabei bedienten sie sich des doppelköpfigen Reichsadlers, der auch als Quaternionenadler bezeichnet wird. Und zwar deshalb, weil man diejenigen Reichsstände, deren Mitglieder ein gemeinsames Merkmal hatten, in fiktiven Vierergruppen, den Quaternionen, zusammenschloss. Es gab die Gruppe der Kurfürsten, der Markgrafen und so weiter. In den Schwingen des Adlers können Sie 56 Wappen erkennen. Sie stehen für die einzelnen Gruppen der Reichsverfassung. Ganz oben, in der Nähe des Adlerkopfes, sieht man die Wappen der Kurfürsten und Päpste.

Sprecher

Besitzer von Reichsadlerhumpen waren meist Angehörige der kleineren Reichsstände wie Patrizier, das Zunftbürgertum und Handwerker. Ihnen war es besonders wichtig, ihre Verbundenheit mit dem Reich und seinen Gliedern zum Ausdruck zu bringen. Und wie konnten sie dieses besser tun als durch das Herumreichen eines Reichsadlerhumpens beim gesellschaftlichen Zutrinken?

Sprecherin

Geschätzt wurden die Reichadlerhumpen auch wegen ihrer dekorativen Wirkung und der leuchtenden Emaille-Farben. Bei dieser Technik wird fein zermahlenes Glas bei 800 Grad Celsius auf das fertige Glas eingebrannt. Dies machten sich bereits syrische Glasmaler in der Antike zunutze. Im 16. Jahrhundert gelangte die Emaille-Malerei über Venedig nach Deutschland und hielt sich hier bis ins 18. Jahrhundert.