Station: [10] EINGEBUNDEN: Michael Bloch, Kaufmann, vermisst sein Hab und Gut, 1950er Jahre
Was sehen Sie? Schauen Sie genau hin. Eine Nussbaumvitrine? Geschwungener Rahmen? Spiegel auf der Rückwand? Gewiss. Aber was Sie nicht sehen, ist die Geschichte dahinter. Was Sie nicht sehen – was damals niemand sehen wollte –, ist folgende Szene: Unser Hausrat, Möbel, Bilder und Geschirr, ja unser ganzes Leben, wird in der Franziskanerkirche verscherbelt. Ja, hier. Alles geht an den Höchstbietenden. „Devisenstrafverfahren“ nannten sie es, aber in Wahrheit rissen sie sich unser Vermögen unter den Nagel, als wir auswanderten. Zum Glück schafften wir es rechtzeitig – im August '39 waren wir bereits in der Schweiz. Wir verloren nur unsere Güter. Andere ihr Leben. Da wird also alles unter den Nachbarn verteilt, auch dieser Schrank. Und wissen Sie, wer im Publikum sitzt? Museumsleiter Revellio. Der Herr Professor schrieb sogar eine Wunschliste mit Objekten für seine Sammlung. Nun, der Krieg kam und ging. Danach wollte keiner etwas gewusst, keiner etwas gesehen haben. Wir lebten inzwischen in Brooklyn und forderten Entschädigung. Revellio machte uns ein Angebot, und wir verkauften ihm den Schrank. Es ging nicht ums Geld, sondern um Gerechtigkeit. Jetzt wissen Sie es. Schauen Sie genau hin. Wegschauen ist zu einfach.
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