Station: [19] ÜBERLEBT: Rotkäppchens Tante wird 1943 Ersatzmutter und hat eine Idee


Als meine Schwester mir sagte, dass sie schwanger ist, dachte ich: "Wie soll das werden, ist doch Krieg?" Sie war gerade erst mit dem Studium fertig, hatte ihre erste Stelle als Zahnärztin und lebte in einer Großstadt. "Was willst du da mit einem Säugling?" So tröstete ich sie: "Wer weiß, ob dir das Kind bleibt. Auf jeden Fall kannst du auf mich zählen". Das war nicht so daher gesagt. Wir Schwestern hielten zusammen. Als das Baby 1943 geboren wurde, habe ich mich nur gefreut: "Was für ein goldiges Kind!". Und ich habe mein Versprechen eingelöst. Irgendwie habe ich das "organisiert", wie man damals sagte: Milchpulver auf Lebensmittelkarten. Die Kleine wuchs bei mir auf, aber alles war knapp: auch als der Krieg zu Ende war. Im Winter brauchte die Kleine ein Mützchen, - im Schwarzwald ist es kalt. Da fiel mir die Hakenkreuzbinde vom Onkel ein, im Koffer auf dem Dachboden ganz hinten. Die habe ich so zerschnitten, dass das Zeichen nicht mehr zu sehen war und hübsch bestickt mit Blumen, die auf den Frühling hoffen ließen. Ein mühevolles Unterfangen, aber hat sich gelohnt. Meine Nichte und ich haben uns immer gut verstanden.

Foto: Franziskanermuseum