Station: [9] EINGEBUNDEN: Michael Lion, Kaufmann, denkt über seine Sammlungstätigkeit im 19. Jahrhundert nach
Natürlich habe ich Ferdinand geholfen, als er mich fragte, ob ich jemanden kenne, der Objekte für sein Altertümerkabinett habe. Und ob ich jemanden kannte! Ich kannte doch halb Villingen. Da war zum Beispiel mein Freund Hermann Bernheimer. Mit seiner Familie bin ich durch meine Frau verschwägert. Er schenkte dem Museum drei Leinwandstreifen aus einer Synagoge. Leider starb er bald darauf – nur 34 Jahre alt. Frieden sei ihm und ganz Israel. Auch ich selbst gab manches in die Sammlung. Wir suchten immer die besten Stücke aus, ganz nach Ferdinands Sinn: fein bemalt, gut gearbeitet oder kunstvoll verziert, am liebsten natürlich aus Villingen. Der Säulentisch, den Sie hier sehen, schien mir so ein Stück zu sein. Ehe die Dinge sonstwohin wandern, sollen sie lieber hierbleiben. So tut man der Heimatstadt etwas Gutes. Ja, Ferdinand war ein anständiger Kerl. Ob einer Jude war oder nicht, spielte für ihn keine Rolle. Mir war es ja auch gleich, was für einen Glauben die Schneider hatten, die für mich arbeiteten. Leider waren nicht alle so. Ich hörte, wie manche über mich tuschelten, hörte das Wort "Lumpenjude". Aber wenn es brannte, waren sie froh, wenn ich mit meinen Kollegen von der Feuerwehr kam. Es gibt ein jüdisches Sprichwort: In den Brunnen, aus dem du getrunken hast, wirf keinen Stein.
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