Station: [08] Weltgeschichte am Letter Berg: Vom 19. Jahrhundert bis 1945
Was würdest Du tun, wenn Du keine Perspektive hättest, um Deinen Lebensunterhalt zu verdienen? Würdest Du alles zurücklassen und weit weg ganz neu anfangen? Und kannst Du Dir vorstellen, wie es ist, wenn Du das zwei Mal im Leben machen musst?
Genau das haben Heinrich und Rosalie Brinkschulte erlebt.
Du kannst die Geschichte hier im Audioguide hören, oder Du nimmst einen Hörknubbel am Radio und hörst das Hörspiel dazu.
Heinrich wird 1905 als viertes Kind einer Bauernfamilie vom Letter Berg geboren. Schon früh weiß er: Er will Bauer werden, sein eigenes Land bestellen. Doch sein älterer Bruder Franz wird der Tradition nach den Hof erben.
Franz muss 1915 mit 19 Jahren als Soldat in den Ersten Weltkrieg ziehen. Er überlebt ihn in Gefangenschaft in Frankreich. Und während er dort im Bergbau arbeitet, leisten französische Kriegsgefangene in Lette Zwangsarbeit im Straßenbau. Sie pflastern unter anderem die Straße zum Hof Brinkschulte. Untergebracht sind sie in der alten Letter Kirche.
Heinrich geht zur Volksschule, danach zur Landwirtschaftsschule, und arbeitet wie üblich für zwei Jahre auf einem fremden Hof. Auswohnen heißt das. Aber ein eigenes Stück Land kaufen? Das ist unbezahlbar. Die Inflation Anfang der 1920er Jahre hat alles Geld der Familie zunichte gemacht.
Bald kommt die Weltwirtschaftskrise. Und die Agrarkrise. Als Bauer darf Heinrich nicht mal in die Industrie wechseln. Was soll er tun? Irgendwo einheiraten, Knecht auf einem fremden Hof werden? Das kann er sich nicht vorstellen. Dann lernt er Rosalie kennen. Sie arbeitet auf dem Milchhof Hellermann, und bald können sie sich Ihre Zukunft gemeinsam vorstellen – wo auch immer.
1933 wird Hitler Reichskanzler, die NSDAP gewinnt die Reichstagswahlen. Die Mitgliederzahlen steigen, auch auf dem katholischen Land.
Sofort beginnt die Unterwerfung und Kontrolle aller Strukturen: Staatsorgane, Schulen, Vereine; die so genannte Gleichschaltung. Alles untersteht dem Führerprinzip.
Die NS-Regierung startet das nationalsozialistische Agrar-Programm – es folgt der so genannten Blut-und-Boden-Ideologie. Sie verbindet unter anderem Agrar-Romantik mit völkischem und imperialem Denken.
Die NS-Propaganda wirbt um Bauern wie Heinrich als Neusiedler in den östlichen Provinzen. Für Heinrich klingt das nach der Chance seines Lebens. Tatsächlich ist es ein Teil der Expansionspläne und der Kriegsvorbereitung des NS-Staats.
Heinrich und Rosalie entscheiden sich: Sie werden es gemeinsam wagen. Aber wo? Heinrich reist herum, besucht andere umgesiedelte Bauern aus Lette, zum Beispiel in Pommern. Für einen Kauf muss Heinrich u.a. seine Abstammung nachweisen und in die NSDAP eintreten.
Er ist katholisch und der Nationalsozialismus gefällt ihm nicht. Aber der Papst bezieht keine Position gegen den NS. Er schließt einen Vertrag mit der NS-Führung ab, das Reichskonkordat: Die katholische Kirche behält ihre Autonomie, aber sie darf sich nicht politisch engagieren.
Heinrich und Rosalie können mit einem Darlehen eine kleine Hofstelle in Neuwaldau in Schlesien bezahlen. Die Konkurrenz ist groß. Aber dort sind auch eine katholische Kirche und eine Schule. Das ist für sie ausschlaggebend.
Sie sammeln Geräte zusammen, bekommen Hausstand zur Hochzeit geschenkt. Nur ein paar Wochen später ziehen sie im Oktober 1937 mit Heinrichs Schwester Änne und einigen Helfern um. Sie richten sich ein, pflanzen Obstbäume, bestellen die Felder, bauen eine Scheune. Zwei Söhne werden geboren.
Dann beginnt der Zweite Weltkrieg. Heinrich wird zur Flugabwehr eingezogen und bleibt den gesamten Krieg lang im Einsatz, meist an der Front in Süditalien und Sizilien, unterbrochen durch militärische Lehrgänge, und durch Heimaturlaube für Bauern im Frühjahr und zur Erntezeit. Rosalie bekommt noch drei Söhne, bestellt mit ihren Helfern den Hof im Krieg weiter. Dazu zählt schon bald ein Zwangsarbeiter.
Im Winter 1944 rückt die Ostfront näher. Rosalie bleibt auf dem Hof. Millionen Menschen flüchten vor der Roten Armee nach Westen. Rosalie bleibt.
Am 8. Mai 1945 kapituliert endlich das Deutsche Reich. Der Krieg ist vorbei. Heinrich wird in Gefangenschaft genommen. Es gibt Postsperren. Der Kontakt zu Rosalie reißt monatelang ab. Sie wissen nicht voneinander: Wo ist der Andere jetzt? Sind sie alle am Leben? Werden sie sich wiedersehen?
Inzwischen beschließen die Alliierten auf der Potsdamer Konferenz: Die deutschen Ostprovinzen werden Polen zugeschrieben – als Ausgleich für polnische Gebiete, die Stalin fordert.
Deshalb werden bis 1950 alle Deutschen aus den östlichen Provinzen vertrieben, auch Rosalie, ihre fünf Söhne und die deutschen Helfer. Sie müssen weg, ihre Tiere und ihren Besitz zurücklassen. Nur mit einem Wagen geht es auf einem Treck in Richtung Westen. Was sie bei sich haben, wird geplündert. Alles, was sie noch haben, als sie im Juni 1945 nach Lette zurückkehren, ist der Kinderwagen des jüngsten Sohnes.
Heinrich ist in der Gefangenschaft zum quälenden Nichtstun gezwungen. Er wird im Sommer 1946 entlassen. In Lette treffen Heinrich und Rosalie sich endlich wieder. Sie haben nur noch Leib und Leben. Sie müssen wieder von vorn beginnen. Ein zweites Mal. Aus dem Nichts. Doch sie schaffen es: In den Nachkriegsjahren bauen sie eine neue Existenz auf; sie können das Milchgeschäft von Hellermann übernehmen, betreiben einen Marktstand, dann einen kleinen Kolonialwarenladen. Sie bekommen noch zwei Söhne, doch einer stirbt am Tag nach der Geburt. Mit ihren sechs Söhnen bauen sie später ein Lebensmittelgeschäft in einem eigenen Haus auf, das der Sohn Hubert mit seiner Frau Maria weiterführen wird.
Eine neue Zeit ist angebrochen. Und die Geschichte geht weiter mit dem Friseursalon auf der anderen Seite des Raums.

