Das Stiftskapitularische Amtshaus in Großenlüder ist ein zentrales Zeugnis der politischen, gerichtlichen und baulichen Geschichte des Ortes. Bereits lange vor seinem Bau wurde in Großenlüder Recht gesprochen, zunächst im Freien am Lindenberg und später an wechselnden Orten wie der Fröschburg. Gerichtsbarkeit und Verwaltung waren eng miteinander verbunden; Todesurteile wurden öffentlich vollstreckt, was die abschreckende Funktion der Rechtsprechung unterstrich.
Nach dem Aussterben der lokalen Adelsgeschlechter ging die Gerichtsbarkeit an den Fürstabt von Fulda über. Das Amt Großenlüder nahm dabei eine Sonderstellung ein: Es unterstand zwar dem Fürstabt, das Gebäude gehörte jedoch dem Fuldaer Stiftskapitel, weshalb es als „Stiftskapitularisches Amtsgericht“ bezeichnet wurde. Um 1574 entstand ein erster Amtsbau, der 1687 durch einen repräsentativen Neubau ersetzt wurde, der das heutige Erscheinungsbild prägt
Das Amtshaus war Verwaltungs- und Gerichtsgebäude für zwölf, später bis zu zwanzig umliegende Orte und fungierte damit wie ein kleines Landratsamt. Es war zugleich Wohnsitz des Amtsrichters. Verhandelt wurden überwiegend kleinere Delikte des Alltags wie Diebstahl, Wilderei, Erbschafts- und Grenzstreitigkeiten. Die Rechtsprechung spiegelte die sozialen Unterschiede wider, da wohlhabendere Täter härter bestraft wurden.
Die politischen Umbrüche des 19. Jahrhunderts führten zu tiefgreifenden Veränderungen: Nach der Säkularisation 1803, der napoleonischen Zeit und dem Wiener Kongress wechselte Großenlüder mehrfach die staatliche Zugehörigkeit. 1822 wurde Verwaltung und Justiz getrennt, 1866 fiel das Amt an Preußen und wurde königliches Amtsgericht. Trotz kultureller und konfessioneller Unterschiede genossen die preußischen Beamten hohes Ansehen.
1943/44 wurde das Amtsgericht aufgelöst und nach Fulda verlegt, womit Großenlüder seine zentrale Funktion verlor, diese aber durch die Gebietsreform 1972 teilweise zurückerlangte. Das Gebäude wurde fortan anderweitig genutzt.
Architektonisch ist das Amtshaus ein bedeutender Renaissancebau aus den Jahren 1686–1690 mit aufwendig gestaltetem Portal und sieben Wappen des Fuldaer Stiftskapitels. Seine repräsentative Gestaltung sollte Macht, Autorität und katholische Vorherrschaft demonstrieren. Nach wechselnder Nutzung und Verfall wurde das Gebäude 2001/02 umfassend renoviert und dient heute als kulturelles und repräsentatives Zentrum der Gemeinde Großenlüder