Heute ist häufiger davon die Rede,„jüdische Perspektiven“ einbeziehen zu wollen.Dies markiert einen unbestreitbaren Fortschritt – insbesondere angesichts der Tatsache, dass lange über Jüdinnen und Juden gesprochen wurde, statt deren tatsächliche Lebenswelten und Erfahrungen zu kennen. Gleichzeitig wirft die Rede von jüdischen Perspektiven fundamentale Fragen auf: Schwingen in diesem Begriff essentialistische, starre Zuschreibungen mit, die Identitäten eher verengen? Und wer kann jüdische Perspektiven formulieren? Zudem: Auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft variieren die Entwürfe zur eigenen Selbstverortung im Spannungsfeld von jüdischer und nichtjüdischer Identität erheblich. Wer spricht dabei von welchem Wir oder welchen Wir-s? Wer sieht welche Allianzen?All dies vollzieht sich vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen. Eine extreme Polarisierung sowie ein deutlich erstarkender Antisemitismus – der längst auch die vermeintliche Mitte der Gesellschaft erfasst hat – prägen den Kontext. Welcher Freiraum verbleibt Jüdinnen und Juden unter diesen Bedingungen für eine unabhängige (Selbst)Positionierung? Wie kann jüdische Selbstermächtigung gelingen, ohne sich in der bloßen Reaktion der Abwehr zu erschöpfen? Inwieweit verfestigt sich ein Denken in den Kategorien von „Inside“ und „Outside“?Über die Bedrohung durch den Antisemitismushinaus bleibt die Frage der Selbstbehauptung komplex. Auch eine wohlmeinende, nicht antisemitische Öffentlichkeit transportiert manche festen Vorstellungen und Erwartungen darüber, was Jüdisch-Sein heißen darf und soll. Das Phänomen solcher Fremdkategorisierungen ist historisch keineswegs neu. Avanciert nicht selbst der Begriff der Vielfalt bisweilen zu einer (nicht nur) von außen herangetragenen Parole und Imagination, die aber für die Gesamtgesellschaft auch eine entlastende Funktion hat und die beschriebenen Gemengelagen zu wenig berücksichtigt?Frei nach Adornos Postulat, „ohne Angst verschieden sein zu können“, ist eine Frage also, wie sehr die jüdische Minderheit ihre Binnendifferenzierungen offen formulieren und ausleben kann und wird – oder nicht mehr? Oder ist die relevantere Frage sogar, inwiefern Jüdinnen/Juden noch, selbst als Gesamtheit, ohne Angst verschieden sein können oder ob sogar dies zur Utopie wird?Die Veranstaltung lädt zum Nachdenken über diese Fragen ein.Ort: Repräsentantensaal, Neue Synagoge BerlinModeration: Tanja BergPodiumsteilnehmende:Sharon Adler, geb. in Berlin, Journalistin, Publizistin, Fotografin und Moderatorin. 2000 Gründung des Online-Magazins AVIVA-Berlin, seit 2013 Engagement im Vorstand der Stiftung Zurückgeben zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft. Seit 2020 Mitherausgeberin der Reihe „Jüdinnen in Deutschland nach 1945“.Ihre Themen: Feminismus aus jüdischer Perspektive; Entsolidarisierung, Antisemitismus und eindimensionale Berichterstattung über Israel nach dem 7. Oktober 2023; Ausraubung jüdischen Eigentums und Herausforderungen bei Provenienz-Recherche; Exil, Resilienz und Erinnerungskultur im öffentlichen und digitalen Raum; Erfahrungen und Perspektiven der 1. und nachfolgenden Generationen.Anton Livshits, geb. in Brjansk (Russland), in Deutschland seit seinem vierten Lebensjahr. Kulturwissenschaftler, tätig in der politischen Bildung für verschiedene Träger; Engagement in jüdisch-palästinensischen Dialogprojekten.Die Themen seiner Bildungsarbeit und Forschung: Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus; plurale Erinnerungspolitik, hier und auch allgemein geht es ihm u.a. um die Stärkung postsowjetischer Perspektiven. Sein Dissertationsprojekt beschäftigt sich damit, wie bestimmte Erzählweisen Kollektive formen, die nicht durch geteilte Eigenschaften definiert sind. Dabei interessiert er sich für einen verantwortlichen Umgang mit den Katastrophen der Moderne.Amir Theilhaber, geb. in Köln, Schulabschluss in Toronto, Studium in Brüssel, Jerusalem und Berlin; Fellow in Washington D.C, Forschungsprojekte als Historiker und Islamwissenschaftler; assoziierter Wissenschaftler am Moses Mendelssohn Zentrum (Univ. Potsdam); seit Sommer 2026 geschäftsführender Vorstandsvorsitzender des New Israel Fund Deutschland.Zu seinen prägenden praktischen Erfahrungen zählen die Arbeit in der Wäscherei des Kibbutz Mishmar HaEmek, ein Praktikum bei Yad Vashem, die Leitung einer Rechtshilfe-Klinik für Geflüchtete in Kairo 2010-2011, der Aufbau des Studierendensekretariats der Barenboim-Said Akademie in Berlin.Maya Wolffberg, geb. in Haifa; BA in Soziologie und Anthropologie (Univ. Haifa), M.A. in Conflict Resolution and Mediation (Univ. Tel Aviv). Seit 2017 in Berlin, hier Engagement in Israel Community Europe.Ihre Themen: Holocaust-Erinnerung und die Bekämpfung von Antisemitismus; die Vernetzung israelischer und jüdischer Communities in Europa; Fragen von Identität und Zugehörigkeit. Ihr Großvater überlebte die Shoah als Kind im Versteck in Berlin. Veranstaltung im Kontext von zwei aktuellen Ausstellungen in der Neuen Synagoge Berlin,die jüdische Gegenwart thematisieren:– Forms of Alignment– Stolz und Vorurteil – Juden im Blick(beide noch bis 17. November)In Kooperation mit demNetzwerk jüdischer Organisationen Berlin„Jewish Round Table“unterstützt von der Jewish Agency for Israel.undDagesh – Jüdische Kunst im Kontext, ein Programm von DialoguePerspectives e. V.Europäische Akademie BerlinJüdisches Leben in Europa e.V. (JEWLIF) 
15. Oct 2026 - 18:00
Oranienburger Straße 28-30
Berlin
10117
Germany

Current event for "Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum"

Welches Wir? Jenseits von Inside und Outside

15. Oct 2026 - 18:00 – 28. Sep 2026 - 00:00
Neue Synagoge Berlin - Centrum Judaicum
Heute ist häufiger davon die Rede,
„jüdische Perspektiven“ einbeziehen zu wollen.

Dies markiert einen unbestreitbaren Fortschritt – insbesondere angesichts der Tatsache, dass lange über Jüdinnen und Juden gesprochen wurde, statt deren tatsächliche Lebenswelten und Erfahrungen zu kennen. Gleichzeitig wirft die Rede von jüdischen Perspektiven fundamentale Fragen auf: Schwingen in diesem Begriff essentialistische, starre Zuschreibungen mit, die Identitäten eher verengen? Und wer kann jüdische Perspektiven formulieren? Zudem: Auch innerhalb der jüdischen Gemeinschaft variieren die Entwürfe zur eigenen Selbstverortung im Spannungsfeld von jüdischer und nichtjüdischer Identität erheblich. Wer spricht dabei von welchem Wir oder welchen Wir-s? Wer sieht welche Allianzen?

All dies vollzieht sich vor dem Hintergrund tiefgreifender gesellschaftlicher Transformationen. Eine extreme Polarisierung sowie ein deutlich erstarkender Antisemitismus – der längst auch die vermeintliche Mitte der Gesellschaft erfasst hat – prägen den Kontext. Welcher Freiraum verbleibt Jüdinnen und Juden unter diesen Bedingungen für eine unabhängige (Selbst)Positionierung? Wie kann jüdische Selbstermächtigung gelingen, ohne sich in der bloßen Reaktion der Abwehr zu erschöpfen? Inwieweit verfestigt sich ein Denken in den Kategorien von „Inside“ und „Outside“?

Über die Bedrohung durch den Antisemitismus

hinaus bleibt die Frage der Selbstbehauptung komplex. Auch eine wohlmeinende, nicht antisemitische Öffentlichkeit transportiert manche festen Vorstellungen und Erwartungen darüber, was Jüdisch-Sein heißen darf und soll. Das Phänomen solcher Fremdkategorisierungen ist historisch keineswegs neu. Avanciert nicht selbst der Begriff der Vielfalt bisweilen zu einer (nicht nur) von außen herangetragenen Parole und Imagination, die aber für die Gesamtgesellschaft auch eine entlastende Funktion hat und die beschriebenen Gemengelagen zu wenig berücksichtigt?

Frei nach Adornos Postulat, „ohne Angst verschieden sein zu können“, ist eine Frage also, wie sehr die jüdische Minderheit ihre Binnendifferenzierungen offen formulieren und ausleben kann und wird – oder nicht mehr? Oder ist die relevantere Frage sogar, inwiefern Jüdinnen/Juden noch, selbst als Gesamtheit, ohne Angst verschieden sein können oder ob sogar dies zur Utopie wird?

Die Veranstaltung lädt zum Nachdenken über diese Fragen ein.

Ort: Repräsentantensaal, Neue Synagoge Berlin

Moderation: Tanja Berg


Podiumsteilnehmende:

Sharon Adler, geb. in Berlin, Journalistin, Publizistin, Fotografin und Moderatorin. 2000 Gründung des Online-Magazins AVIVA-Berlin, seit 2013 Engagement im Vorstand der Stiftung Zurückgeben zur Förderung jüdischer Frauen in Kunst und Wissenschaft. Seit 2020 Mitherausgeberin der Reihe „Jüdinnen in Deutschland nach 1945“.

Ihre Themen: Feminismus aus jüdischer Perspektive; Entsolidarisierung, Antisemitismus und eindimensionale Berichterstattung über Israel nach dem 7. Oktober 2023; Ausraubung jüdischen Eigentums und Herausforderungen bei Provenienz-Recherche; Exil, Resilienz und Erinnerungskultur im öffentlichen und digitalen Raum; Erfahrungen und Perspektiven der 1. und nachfolgenden Generationen.

Anton Livshits, geb. in Brjansk (Russland), in Deutschland seit seinem vierten Lebensjahr. Kulturwissenschaftler, tätig in der politischen Bildung für verschiedene Träger; Engagement in jüdisch-palästinensischen Dialogprojekten.

Die Themen seiner Bildungsarbeit und Forschung: Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus; plurale Erinnerungspolitik, hier und auch allgemein geht es ihm u.a. um die Stärkung postsowjetischer Perspektiven. Sein Dissertationsprojekt beschäftigt sich damit, wie bestimmte Erzählweisen Kollektive formen, die nicht durch geteilte Eigenschaften definiert sind. Dabei interessiert er sich für einen verantwortlichen Umgang mit den Katastrophen der Moderne.

Amir Theilhaber, geb. in Köln, Schulabschluss in Toronto, Studium in Brüssel, Jerusalem und Berlin; Fellow in Washington D.C, Forschungsprojekte als Historiker und Islamwissenschaftler; assoziierter Wissenschaftler am Moses Mendelssohn Zentrum (Univ. Potsdam); seit Sommer 2026 geschäftsführender Vorstandsvorsitzender des New Israel Fund Deutschland.

Zu seinen prägenden praktischen Erfahrungen zählen die Arbeit in der Wäscherei des Kibbutz Mishmar HaEmek, ein Praktikum bei Yad Vashem, die Leitung einer Rechtshilfe-Klinik für Geflüchtete in Kairo 2010-2011, der Aufbau des Studierendensekretariats der Barenboim-Said Akademie in Berlin.

Maya Wolffberg, geb. in Haifa; BA in Soziologie und Anthropologie (Univ. Haifa), M.A. in Conflict Resolution and Mediation (Univ. Tel Aviv). Seit 2017 in Berlin, hier Engagement in Israel Community Europe.

Ihre Themen: Holocaust-Erinnerung und die Bekämpfung von Antisemitismus; die Vernetzung israelischer und jüdischer Communities in Europa; Fragen von Identität und Zugehörigkeit. Ihr Großvater überlebte die Shoah als Kind im Versteck in Berlin.

 

Veranstaltung im Kontext von zwei aktuellen Ausstellungen in der Neuen Synagoge Berlin,
die jüdische Gegenwart thematisieren:

– Forms of Alignment
– Stolz und Vorurteil – Juden im Blick
(beide noch bis 17. November)

In Kooperation mit dem
Netzwerk jüdischer Organisationen Berlin
„Jewish Round Table“unterstützt von der Jewish Agency for Israel.

und
Dagesh – Jüdische Kunst im Kontext, ein Programm von DialoguePerspectives e. V.
Europäische Akademie Berlin
Jüdisches Leben in Europa e.V. (JEWLIF)

 

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