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Sonderausstellung „,Und mitten in dem Ganzen stehen die Frauen der Welt’ – Exil und Rückkehr der AWO-Gründerin Marie Juchacz“

28. Feb 2020
Deutsches Auswandererhaus Bremerhaven

Neue Sonderausstellung: 21. Februar bis 31. Juli 2020

Gründerin der Arbeiterwohlfahrt, Frauenrechtlerin, Sozialdemokratin – die 1879 geborene Marie Juchacz hat Bemerkenswertes in ihrem Leben geschafft: Als erste Frau steht sie im Jahr 1919 während der Weimarer Republik in der deutschen Nationalversammlung am Rednerpult, gründet im selben Jahr die Arbeiterwohlfahrt. Wie so viele politisch Andersdenkende muss die Sozialdemokratin nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 die Flucht ergreifen und lebt im Exil in den USA, bevor sie 1949 nach Deutschland zurückkehrt. Ihre bewegende Biografie, ihr Lebenswerk und ihre Erfolge sowie ihre Flucht und Rückkehr thematisiert das Deutsche Auswandererhaus Bremerhaven in seiner neuen Sonderausstellung vom 21. Februar bis zum 31. Juli 2020.

Sie spricht als erste Frau in einem deutschen Parlament, ist geschieden, lebt in einer Alleinerziehenden-WG, gründet und leitet mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) einen der größten Sozialverbände Deutschlands: Marie Juchacz hat bereits bis 1933 ein ungewöhnliches und gesellschaftlich einflussreiches Leben gelebt – dann übernehmen die Nationalsozialisten die Macht und zwingen die Arbeiterwohlfahrt, sich aufzulösen. Juchaczs Lebenswerk scheint zerstört. Sie geht 1941 ins Exil in die USA – zu diesem Zeitpunkt ist sie 63 Jahre alt, spricht kaum Englisch und ist praktisch mittellos. In New York baut sie ab 1945 ebenfalls eine Arbeiterwohlfahrt („AW New York – Relief for the German Victims of Nazism“) und ein umfangreiches Netzwerk auf, mit dessen Hilfe es ihr gelingt, nach Kriegsende die Genoss*innen in Deutschland zu unterstützen: Die Organisator*innen senden Hilfspakete nach Deutschland, wollen beim demokratischen Wiederaufbau helfen – und vor allem: Die Arbeiterwohlfahrt soll in Deutschland neu entstehen und ihr Vermögen von vor 1933 zurückerhalten. Marie Juchacz kehrt schließlich nach Deutschland zurück: Im Jahr 1949, nun fast 70 Jahre alt, erreicht sie ihre alte Heimat, kommt mit dem Schiff am 2. Februar in Bremerhaven an.

„Obwohl Marie Juchacz eine wichtige Persönlichkeit ihrer Zeit war, ist sie heute weitgehend unbekannt – und noch unbekannter ist ihre Exilgeschichte“, sagt Dr. Simone Eick, Direktorin des Deutschen Auswandererhauses. „Die Ausstellung widmet sich so nicht nur einer speziell weiblichen Exilerfahrung, sondern auch den enormen Leistungen der Frauen in der Arbeiterbewegung.”

Die Ausstellung im Deutschen Auswandererhaus, „‘Und mitten in dem Ganzen stehen die Frauen der Welt.’ Exil und Rückkehr der AWO-Gründerin Marie Juchacz“, erzählt anhand persönlicher Zeugnisse, mit welchen sprachlichen, finanziellen und emotionalen Schwierigkeiten die über 60-jährige Sozialpolitikerin nach ihrer Flucht in die USA zu kämpfen hatte. „Es ist erstaunlich, wie Juchacz trotz aller Widrigkeiten immer wieder die Kraft fand, neu anzufangen“, sagt Marie Grünter, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Auswandererhaus die Ausstellung kuratierte. Die Ausstellung erweckt die umfangreiche Korrespondenz von Juchacz wieder zum Leben, denn nur mit Hilfe von Briefen konnte sie auch im Exil ihr politisches Netzwerk von Freund*innen und Mitstreiter*innen aufrechterhalten. Gleichzeitig erzählen die Briefe von den persönlichen Schwierigkeiten, der Armut und vom Kampf gegen die eigene Mutlosigkeit Anfang der 1940er Jahre.

Zum 100-jährigen Bestehen der AWO Bremerhaven erzählt die Ausstellung am Beispiel von Mathilde Rupperti, die die AWO Bremerhaven 1920 mitgegründet hatte, eine weibliche Widerstandsgeschichte aus der Arbeiterschaft. Mathilde Rupperti und ihre Familie entschieden sich während des nationalsozialistischen Terrorregimes, trotz Schikanen in Bremerhaven zu bleiben und Flugblätter zu schmuggeln, die sie vom Hafen in die Stadt brachten. Nach Ende der NS-Zeit widmeten Rupperti und deren Töchter ihre Kraft der notleidenden Bevölkerung im Nachkriegs-Bremerhaven. „Wichtig für Mathilde Rupperti, ihre Familie und ihr Engagement in der AWO ist ihre demokratische Haltung – und das beinhaltet für sie unbedingt eine gleichberechtigte Rolle von Mann und Frau. Gerade in den 1920er Jahren, aber auch direkt nach dem Zweiten Weltkrieg, ist das keine Selbstverständlichkeit“, sagt Kuratorin Marie Grünter. Diese Haltung ist ganz im Sinne von Juchacz. 1947 beschwört diese die Genossinnen in Deutschland, ihre politische Rolle in der Nachkriegs-Gesellschaft wahr- und einzunehmen, denn: „Mitten in dem ganzen stehen die Frauen der Welt.“

Die Bemühungen um den Neuaufbau der Arbeiterwohlfahrt nach 1945 gelangen. „Die AWO war, ist und bleibt eine tragende Säule im sozialen Gefüge in Deutschland und natürlich auch speziell in Bremerhaven – sowohl als sozialer Dienstleister als auch als Arbeitgeber. Allein in der Seestadt und umzu kümmern sich 1350 festangestellte Mitarbeitende in unseren 70 Einrichtungen um alte Menschen, um Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Migrant*innen – da lässt sich sehr leicht hochrechnen, wie viele Klienten und Angehörige wir Tag für Tag unterstützen“, sagt Dr. Uwe Lissau, Vorsitzender des AWO Kreisverbands Bremerhaven e. V..

© Deutsches Auswandererhaus / Foto: Dominik Laupichler

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