Schwesternhaus und Ordensschwestern in Großenlüder
Um 1900 hatte die Gemeinde Großenlüder etwa 1660 Einwohner. Die Familien waren meist kinderreich, während viele Männer als Bauarbeiter saisonal nach Westfalen oder ins Rhein-Main-Gebiet gingen. Die Frauen mussten Haushalt, Landwirtschaft sowie die Versorgung von Kindern, Alten und Kranken allein bewältigen. Da es kaum staatliche Unterstützung gab, wurde die Pflege von Kranken ausschließlich innerhalb der Familien organisiert. Für größere medizinische Behandlungen mussten viele Familien ihr Vieh verkaufen oder sich verschulden.
Aus dieser Situation heraus entstand der Wunsch, ein Schwesternhaus zu errichten. Pfarrer Johann Georg Schell und Bürgermeister Adam Möller setzten sich besonders dafür ein. Das Schwesternhaus sollte Alten und Kranken Hilfe bieten, ambulante Pflege ermöglichen sowie eine Kleinkinderbewahrschule und Unterricht für Mädchen in Haus- und Handarbeit einrichten. Das Mutterhaus in Fulda erklärte sich bereit, Ordensschwestern nach Großenlüder zu entsenden.
Die katholische Kirchengemeinde übernahm die Trägerschaft des Bauprojekts. Das Grundstück „Am Fronhof/Kreuzgarten“ stellte die Gemeinde kostenlos zur Verfügung. Der aus Großenlüder stammende Bauingenieur Josef Köhl plante und leitete den Bau. Die Kosten wurden zunächst auf etwa 21.000 Mark geschätzt. Durch Spenden und Eigenleistungen der Bevölkerung konnten große Teile der Finanzierung gedeckt werden. Nach Fertigstellung beliefen sich die Baukosten auf rund 22.654 Mark, mit Inneneinrichtung insgesamt etwa 25.000 Mark.
Am 12. April 1904 wurde das im Stil der Jahrhundertwende errichtete Gebäude eingeweiht und die ersten drei Ordensschwestern zogen ein. Insgesamt waren zwischen 1904 und 1971 vierzehn Ordensschwestern in Großenlüder tätig. Sie prägten mit ihrem schwarzen Habit und den weißen Flügelhauben lange das Ortsbild.
Zu ihren wichtigsten Aufgaben gehörte die Krankenpflege. Viele Einwohner suchten bei kleineren Verletzungen oder Krankheiten zunächst die Schwestern auf, bevor sie einen Arzt aufsuchten. Eine Schwester war auch als Geburtshelferin tätig und unterstützte die örtliche Hebamme. Zusätzlich betreuten die Schwestern den Kindergarten und unterrichteten Kinder sowie junge Mädchen. Der Kindergarten vermittelte christliche Werte und bereitete die Kinder auf Schule und Leben vor.
Während der NS-Zeit wurden 1937 alle kirchlichen Kindergärten in Deutschland der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt unterstellt. Die Ordensschwestern durften zwar in Großenlüder bleiben, verloren jedoch die Verantwortung für die Kindererziehung.
Neben ihrer sozialen Arbeit engagierten sich die Schwestern auch im kulturellen Leben der Gemeinde. Sie unterstützten kirchliche Jugendgruppen, Gesangs- und Theatergruppen sowie Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche.
Aufgrund von Nachwuchsmangel und Überalterung der Ordensgemeinschaft wurde die Niederlassung 1971 aufgegeben. Danach änderte sich die Nutzung des Gebäudes mehrfach. Nach Erweiterungen und einem neuen Kindergartenbau wurde das Schwesternhaus zeitweise anderweitig genutzt, unter anderem als Rathaus der Gemeinde Großenlüder. Später diente es verschiedenen gewerblichen und öffentlichen Zwecken.