Eine frühe Beschreibung der geografischen Gegebenheiten des Fleckens Blieskastel legte Hans Sulger im Jahr 1553 vor. Im Süden und Norden begrenzten der Schlossberg und der Hanfelsen die Siedlung, im Osten markierte der Verlauf der Blies eine natürliche Grenze. Ein Stadtplan aus dem Jahr 1722 Plan du Chateau de la Ville de BliesCastel zeigt in schematischer Darstellung die damalige Ausdehnung des Ortes. Im Süden erreichte man Blieskastel über die Mühlpforte (im Bereich der heutigen Kardinal-Wendel-Str. 7), in westlicher Richtung über die Talpforte (im Bereich der heutigen Schloßbergstr.) und im Norden über die Altpforte beim Marktplatz (im heutigen Bereich An der Stadtmauer/Alter Markt). Nach Osten endete das bebaubare Gebiet am Mühlgraben. Mit Ausdehnung der Baugebiete zur Blies hin musste dieser während des 18. Jahrhunderts mehrfach verlegt werden.
Der 1743 erstellte Plan über die Gegend bey BliesCastel enthielt mehrere Optionen zum neuen Verlauf. Nach einem Vorschlag Hans Georg Schuwers sollte das Wasser künftig vom alten Wehr aus im nordöstlichen Teil der Stadt auf den alten Mühlbach treffen und bogenförmig entlang der Bebauungsgrenze fließen. Innerhalb der Stadt befände sich der neue Kanal somit in der Nähe des uhr alten graben, welcher hinter den Häusern der Hauptstraße (heute Kardinal-Wendel-Str.) verlief. Dem gegenüber steht der Entwurf nach Gottfried Sundahl, Matheis Mayer und Amtmann Schmeltzer, die einen Verlauf deutlich weiter östlich vom Rohr-Eck über die Brücken-Wiese projektierten. Die letztlich ausgeführte Variante ist im Plan Johann Gottfried Sundahls aus dem Jahr 1744 überliefert: „[...] neu errichteten Mühlen Canal vom RohrEck an wo die Lautzkircher bach darein fallet langs dem Flecken hinunter bis in den alten Mühlengraben.“ Demnach trafen alter und neuer Graben im östlichen Bereich Blieskastels zusammen. Der alte Mühlen Platz befand sich in den Aufzeichnungen Sundahls im Bereich der heutigen Zweibrücker Str. 12 bis 14. Eine Fläche an der Kreuzung des neuen Mühlengrabens und der Straße nach Webenheim war zum Bau einer neuen Mühle vorgesehen. Im Jahr 1773 endete für Koblenz die Zeit als Residenzstadt der Reichsgrafen von der Leyen, während in Blieskastel der Ausbau zum neuen Herrschaftssitz begann. Innerhalb von zwanzig Jahren wuchs der Ort über seine frühneuzeitlichen Grenzen hinaus. Bauplätze fanden sich insbesondere im östlichen Teil Blieskastels in Richtung der weitläufigen Wiesen (Brücken- und Hinter Wiese) zur Blies hin. Zuvor erforderte die Baumaßnahme eine erneute Verlegung des Mühlengrabens. Zwei Karten des Johann Philipp Schwarz, der zwischen 1776 bis 1783 mit der Neuvermessung des Amtes Blieskastel beauftragt war, zeigen den neuen Mühlgraben. Im Extract aus der BliesCasteler Renovatur Carte 1781 war die vormalige Wasserführung durch die heutige Gerbergasse zum alten Mühlen Platz (heute: Zweibrücker Str.) hin, bereits zugeschüttet und als Straße verzeichnet. Östlich davon erstreckte sich die Bebauung bis zur „Fabrik“ (heute im Bereich der Zweibrücker Str. 7) gegenüber dem Paradeplatz. Zwischen Oberamt- und Waisenhaus und Paradeplatz verlief der neue Kanal. In Richtung Blickweiler erhielt der Mühlengraben Zulauf durch den Bach aus dem Schellental, wodurch auch ein Wasch- und Mühlenbrunnen mit Wasser versorgt wurden.
Im südlichen Teil Blieskastels verweisen die heutigen Straßennamen Mühleneck, Gerbergasse, In den Lohgärten auf die frühere Ansiedlung von Handwerkern, deren Arbeit von einem kontinuierlichen Zugang zum Wasser abhing. Neben dem Antrieb von Mühlrädern durch Wasserkraft, benötigten u.a. Gerber während der Verarbeitung der Häute zu Leder eine erhebliche Menge an Wasser. Die Nähe des Gerbhauses zu einem Fluss oder Kanal war unabdingbar. Die Lohgerber stellten eine von drei Fachrichtungen des Gerberhandwerks dar (Loh-, Weiß,- und Sämischgerber). Diese spezialisierten sich auf die Herstellung schwerer Lederstücke für die Herstellung von Schuhen, Sätteln oder Zaumzeug. Die Gerbung der Häute erfolgte bei dieser Methode unter Verwendung von Wasser und zerkleinerter Baumrinde (Loh). Aufgrund des Gestanks während des langwierigen Gerbprozesses und der Wasserverschmutzung durch das Wässern und Spülen der Häute, lagen Gerbereien üblicherweise ausserhalb des Stadtkerns und an Stellen, an denen das Wasser die Siedlung verließ. Parallelen einer direkten Nachbarschaft von Gerbhäusern und Mühlen/-gräben fanden sich auch in anderen Städten.
Der Mühl – und Waschbrunnen
Aus den Aufzeichnungen Johann Philipp Schwarz ist ein Lagerbuch aus dem Jahr 1788 überliefert, in dem die Liegenschaften der Blieskasteler Bürgerschaft erfasst waren. Darin beschreibt Schwarz den Zulauf zum Mühlgraben zwischen Blieskastel und Blickweiler „das Schellenthaler Fluß von dem Thiergarten an bis in den Mühlengraben, das Mühlenbrunnen Fluß und Flußgraben bey Johannes Weisen gerbhaus“ sowie die Lage des Mühlenbrunnen „der Mühlenbrunnen und platz dabey, einseits Karl Lamarche wittib, anderseits den Blickweiller Weeg, vorn die gass und hinten Nickel Lamarche“ Bis zur Einrichtung der öffentlichen Wasserversorgung zu Beginn des 20. Jahrhunderts dienten Brunnen und Quellen den Anwohnern als einzige Möglichkeit der Wasserentnahme. Je nach Bauart speiste sich der Wasservorrat aus dem Grundwasser (Ziehbrunnen), welches sich nachts anreicherte und am kommenden Tag geschöpft werden konnte oder über Wasserrohre, die mit Fließgewässern oder Quellen verbunden waren (Laufbrunnen). Das Wasser diente sowohl als Trinkwasser für Mensch und Tier, wie als Nutz- und Löschwasser. Wurden größere Mengen Wasser benötigt z.B. zum Tränken von Nutztieren oder zum Waschen der Wäsche, erfolgte dies üblicherweise direkt am Fließgewässer, dem Brunnen oder der Quelle. Waschbrunnen bzw. überdachte Waschhäuser dienten speziell zur Reinigung von Textilien. Ein solches befand sich neben Wohnhaus im heutigen Mühleneck Nr. 8. Im Inneren des gemauerten Waschhauses befanden sich Sandsteintröge zum Wässern und Ausspülen sowie Tische zum Bürsten der Wäsche. Vor dem Waschhaus lag ein Stein zum Walken. Das einstige Waschhaus im Mühleneck ist heute nicht mehr erhalten. An der Kreuzung Gerbergasse/Mühleneck befindet sich seit 1999 ein Pumpbrunnen, der in seiner Ausführung dem ursprünglichen Mühlenbrunnen nachempfunden ist.
Fotos: Stadtarchiv Blieskastel
Text: Stadt Blieskastel, Stadtarchiv
Quellen - und Literatur:
Stadtarchiv Blieskastel (StaB):
Bestand 3 Nr. 220 (Alt-Signatur: 3924), Bestand 15 Nr. 108 (Alt-Signatur 2266), Bestand 40: Fotosammlung, Bestand 41: Fotografien, Bestand 44: Kartensammlung
Literatur:
Krämer, Wolfgang Dr. (Hrsg.): Das Amt Blieskastel nach dem Bericht des kurtrierischen Amtmannes Hans Sulger vom Jahre 1553. Ein Beitrag zur Rechts- und Kulturgeschichte des Bliesgaues, Saarbrücken 1933.
Neumar, Annemarie und Franz (Hrsg.): Blieskastel. Bilder der Stadt und ihrer Menschen, Blieskastel 1997.
Stadtwerke Blieskastel (Hrsg.): 111 Jahre Stromversorgung Blieskastel 1893 bis 2004 / 10 Jahre Erdgasversorgung 1994 bis 2004, Blieskastel 2004.
Reith, Reinhold (Hrsg.): Lexikon des alten Handwerks. Vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert, Verlag C.H. Beck, München 1991.
Vonhof-Habermayr, Margit: Das Schloß zu Blieskastel. Ein Werk der kapuzinischen Profanbaukunst im Dienste des Trierer Kurfürsten Karl-Kaspar von der Leyen (1652-1676), Veröffentlichungen des Instituts für Landeskunde im Saarland, Band 37/1996.
Online-Quellen:
https://www.blieskastel.de/fileadmin/user_upload/Blieskastel/PDF-Dokumente/Stadtentwicklung/Staedtebaulicher_Denkmalschutz_Blieskastel__Endfassung_mit_Anlagen_komprimiert.pdf
https://www.tag-des-offenen-denkmals.de/denkmal/clxdaump0000cmi0cncm1g3vw/gerberscheune-bauliche-reste-der-letzten-gerberscheune-am-muhlgraben-in-ilmenau
https://www.regionalmuseum-bfh.de/gerberhandwerk
https://www.marchivum.de/de/blog/die-fruehe-mannheimer-trinkwasserversorgung
https://www.energiegeschichte.de/de/meg-energiegeschichte/energiethemen/waschen.html